
Frag jemanden, der Motorrad fährt, nach dem ersten Motorrad und schau dabei genau hin. Die Augen werden weicher, und dann kommt die Geschichte, mit Baujahr, Farbe, der Beule im Tank und dem Geräusch beim Kaltstart. Andere Maschinen kamen danach und gingen wieder, schneller, teurer, vernünftiger. Das erste Motorrad ist geblieben.
Meist war es nicht das beste, oft im Gegenteil: zu schwach, zu laut, zusammengehalten von Kabelbindern und Taschengeld. Warum es trotzdem diesen Platz behält, liegt kaum an der Technik, sondern daran, wer du damals warst.
Wenn du an dein erstes Motorrad denkst, denkst du kaum an Leistung oder Drehmoment. Du denkst an einen bestimmten Sommer, an eine Straße, die du heute noch auswendig fahren könntest, vielleicht an jemanden, der hinten saß. Vor allem bleibt das Gefühl, zum ersten Mal selbst irgendwohin zu fahren, ohne gefahren zu werden.
Bis dahin endete deine Welt dort, wo das Fahrrad dich hintrug. Mit dem ersten Motor wurde der Nachbarort zu einer Viertelstunde, das Freibad zwei Dörfer weiter zu einem Nachmittag, und der Mensch, in den du verliebt warst, wohnte plötzlich in Reichweite. Die Maschine hat diesen größeren Kreis geöffnet.
Dass ausgerechnet die Jugendjahre so präsent bleiben, ist gut untersucht. Ältere Menschen erinnern sich auffällig oft an Erlebnisse aus der Zeit zwischen zehn und 30, Psychologen nennen das den Reminiszenzeffekt. Gezeigt hat das unter anderem eine Studie der Duke University von 1997. Für viele fällt das erste Motorrad genau in dieses Fenster.
Hinzu kommt die Aufregung. Erlebnisse, die dich stark berühren, landen besser im Langzeitgedächtnis, angenehme wie unangenehme, und daran hat der Mandelkern im Gehirn großen Anteil. Die Mischung aus Herzklopfen und Stolz bei der ersten Fahrt ist dafür wie gemacht.
Nur: Lebendig heißt nicht genau. Nach dem 11. September 2001 schrieben Studierende der Duke University auf, wie sie von den Anschlägen erfahren hatten. Wochen und Monate später stimmten ihre Berichte nicht besser mit dem ersten überein als die über einen gewöhnlichen Tag, nur blieben sie sich ihrer Erinnerung sicherer. Dein erstes Motorrad ist in der Erinnerung also vermutlich etwas schneller und etwas glänzender, als es war.
Fast jede dieser Geschichten hat eine Narbe. Der erste Umfaller im Stand, weil der Seitenständer nicht ganz ausgeklappt war. Das erste Abwürgen an der Ampel, mit halbem Dorf als Publikum. Der Schreck, als das Hinterrad auf nassem Laub kurz wegrutschte und du verstanden hast, dass dich diese Maschine nicht von allein beschützt.
Dann die erste Panne, die Kette, die mitten auf der Landstraße absprang, oder der Motor, der nicht mehr ansprang. Das Schieben, das Fluchen, und der kleine Triumph, als es am Straßenrand doch wieder lief. Beim ersten Motorrad hast du das Fahren gelernt und dazu, dass du dir selbst helfen kannst. Gerade weil es so aufregend war, ist es geblieben.
Im Osten hieß das erste Fahrzeug für eine ganze Generation Simson, gebaut im thüringischen Suhl, als Schwalbe oder als S50. Zweiräder dieser Art waren dort allgegenwärtig: 1975 kamen in der DDR auf 1.000 Einwohner gut 123 Kleinkrafträder, in der Bundesrepublik rund 31.
Viele dieser Simsons fahren bis heute. Sind sie bis zum 28. Februar 1992 in den Verkehr gekommen, gelten sie nach dem Einigungsvertrag als Kleinkraftrad und dürfen in Deutschland bis 60 km/h fahren, wenn ihre Papiere das ausweisen. Neue Kleinkrafträder sind auf 45 km/h begrenzt. Gefahren werden dürfen sie mit der Klasse AM, die es in Deutschland ab 15 gibt.
Im Westen fuhren andere Maschinen, aber mit demselben Gefühl. Dort standen Namen wie Kreidler Florett, Zündapp oder Hercules für den Traum vom ersten Motor, in Österreich die Puch, und in der Schweiz hieß das erste motorisierte Zweirad oft einfach Töffli. Heute beginnt es in Deutschland mit 15, auf dem Mofa nach Ausbildung und Prüfung oder mit der Klasse AM auf dem Kleinkraftrad, und mit 16 kommt die Klasse A1 für die 125er.
Die Requisiten haben sich geändert. Statt blauer Zweitaktwolke surrt heute vielleicht ein Elektroroller vom Hof, in der Garage steht eine 125er, und zur Ausrüstung gehören Protektoren und ein ordentlicher Helm, nicht mehr Jeansjacke und offener Jethelm. Die erste Fahrt wird gefilmt und landet im Handy, nicht im Fotoalbum.
Der Moment, in dem jemand mit 16 zum ersten Mal allein vom Hof rollt, ist trotzdem derselbe wie vor 40 Jahren. Wer heute das Kennzeichen an seine erste 125er schraubt, wird in 30 Jahren mit demselben weichen Blick davon erzählen. Und wer erst mit 40 oder 50 zum ersten Mal aufsteigt, erzählt später genauso davon, nur kommt in der Geschichte statt Taschengeld die Fahrschulrechnung vor. Das erste Motorrad überlebt seine Technik.
Manche geben ihr erstes Motorrad nie her. Es steht in einer Ecke der Garage, mit dem Versprechen einer Restaurierung, die seit Jahren auf den richtigen Winter wartet. Andere kaufen Jahrzehnte später genau dasselbe Modell zurück, in derselben Farbe. Mit dem Taschenrechner lässt sich das nicht begründen, aber darum geht es auch nicht.
Bei Treffen, Stammtischen und in Schraubergruppen wird über die richtige Vergasereinstellung gestritten wie über Politik. Von außen sieht das nach Nostalgie aus. Für die, die dabei sind, ist es ein gemeinsames Erinnern an die Zeit, in der die Welt plötzlich größer wurde, und an die Maschine, mit der das anfing.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Ob eine alte Simson mit 60 km/h fahren darf, hängt an ihren Papieren, Auskunft gibt die Zulassungsbehörde, zur Fahrerlaubnis die Fahrerlaubnisbehörde.
Vielleicht war deine erste Maschine gar nicht so schnell, der Sommer nicht so lang und die Straße nicht so leer, wie du es heute erzählst. Die Erinnerung ist eine Erzählerin, keine Kamera. Behalten hat sie aber das Wichtigste: wie die Welt zum ersten Mal zwischen zwei Rädern und einer offenen Straße Platz hatte. Und dieses Gefühl vergisst keiner, der es erlebt hat.
Warum bleibt das erste Motorrad so stark in Erinnerung?
Weil hier mehreres zusammenkommt: Es fällt meist in die Jahre zwischen zehn und 30, aus denen Menschen im Alter besonders viel erinnern, und es ist mit starken Gefühlen verbunden. Solche Erlebnisse speichert das Gehirn über den Mandelkern besonders gut.
Was ist der Reminiszenzeffekt?
Reminiszenzeffekt nennen Psychologen eine Häufung: Wer älter ist, erinnert sich besonders oft an die Jahre etwa zwischen zehn und 30. Das erste Motorrad fällt bei vielen genau in diese Zeit.
Sind lebhafte Erinnerungen besonders genau?
Lebhaft heißt nicht genau. Studierende, die ihre Erinnerung an den 11. September 2001 am Tag danach aufschrieben, wichen Monate später genauso stark davon ab wie bei einem Alltagstag, glaubten sich aber sicherer.
Ab wann darf ich in Deutschland Mofa, Moped und 125er fahren?
Mofa fahren darfst du ab 15, wenn du nach einer Ausbildung in der Fahrschule die Mofa-Prüfung bestanden hast. Ein Kleinkraftrad mit der Klasse AM geht ebenfalls ab 15, eine 125er mit der Klasse A1 ab 16. Bis zum 16. Geburtstag gilt die AM-Fahrerlaubnis nur im Inland.
Darf eine Simson schneller als 45 km/h fahren?
Alte Simsons aus der DDR dürfen das, wenn sie spätestens Ende Februar 1992 erstmals auf die Straße kamen und die Fahrzeugpapiere es bestätigen. Dann zählen sie als Kleinkraftrad mit bis zu 60 km/h. Für neu gebaute Kleinkrafträder bleibt es bei 45.
0 Stimmen: 0× Daumen hoch, 0× Daumen runter (0 Punkte)






