Neue Features, die niemand nutzt – was ist Marketing, was ist Mehrwert?

Wie viele Fahrmodi hat dein Motorrad, und wann hast du zuletzt einen gewechselt? Ein Feature, das du nie benutzt, hast du beim Kauf trotzdem mitbezahlt.

Wie oft andere ihre Modi wechseln, lässt sich von außen kaum prüfen. Prüfen lässt sich, was ein Feature laut Hersteller tut und welchen Sicherheitsgewinn ihm der ADAC zuschreibt. Legst du beides nebeneinander, siehst du schnell, was dich sicherer macht und was dem Komfort dient.

Mehrwert oder Marketing: was der ADAC den Systemen zutraut

In einer Übersicht von 2024 hat der ADAC die Assistenzsysteme am Motorrad nach ihrem Sicherheitspotenzial eingestuft. Ganz oben stehen das klassische ABS und das kurventaugliche ABS, beide mit „sehr hoch“. Ein „hoch“ bekommen die Kombibremse, die Kontrolle gegen das Abheben von Vorder- oder Hinterrad und die kurventaugliche Traktionskontrolle.

Weiter unten folgen Systeme mit kleinerem Sicherheitsgewinn. Das Abstandsradar stuft der ADAC als „mittel“ ein und schreibt dazu, es diene vorrangig dem Komfort. Totwinkelwarner, Reifendruckkontrolle, Berganfahrhilfe und Kurvenlicht kommen auf „mäßig“. Bei den Fahrmodi legt sich der ADAC nicht fest: Der Gewinn hänge von den Fahrgewohnheiten ab.

Der ADAC zieht damit eine Linie zwischen Sicherheit und Komfort. Ganz vorn stehen bei ihm die Systeme, die beim Bremsen und Beschleunigen im Grenzbereich helfen.

Fahrmodi: ein Paket aus Motor, Traktion und ABS

Ein Fahrmodus ist meist kein eigenes System, sondern eine Voreinstellung für mehrere. Bei der Honda NC750X von 2025 legt jeder Modus die Stufen für Motorleistung, Motorbremse und Drehmomentkontrolle fest, beim Doppelkupplungsgetriebe auch dessen Schaltverhalten. BMW verbindet bei der R 1300 GS im Modus Motorcharakteristik, Traktionskontrolle, ABS und Motorschleppmomentregelung.

Wie viel ein Modus verändert, unterscheidet sich je nach Modell. KTM gibt für die 390 Duke des Jahrgangs 2024 bei allen drei Modi dieselbe homologierte Leistung an. Die Modi stimmen dort den Motor und die optionale Traktionskontrolle aufeinander ab, im Regenmodus spricht der Motor weicher an.

BMW lässt bei der R 1300 GS mit der Sonderausstattung Fahrmodi Pro zwei bis vier Modi für die Auswahl am Lenker festlegen. Brauchst du nur zwei, siehst du dann auch nur zwei.

Auch das Umschalten geht nicht überall gleich. Die Anleitung der NC750X sieht für den Wechsel einen Halt vor. An der 390 Duke wechselst du den Modus auch während der Fahrt, wenn das Gas geschlossen ist. Die R 1300 GS lässt den Wechsel unterwegs zu, mit geschlossenem Gas, ohne Bremse und ohne aktiven Tempomat.

Sicherheitshinweis: Die Geländemodi ENDURO und ENDURO PRO der R 1300 GS schaltest du laut BMW nur bei Fahrten im Gelände ein. Auf der Straße droht sonst Sturzgefahr, weil Bremsen und Beschleunigen im Regelbereich von ABS und Traktionskontrolle instabil werden können. In ENDURO PRO regelt das ABS hinten ab Werk nicht. Für die 390 Duke warnt KTM, ein falsch gewählter Modus erschwere die Kontrolle erheblich.

Radar am Motorrad: Komfort mit klaren Grenzen

Am Motorrad noch recht neu ist das Radar. Für die R 1300 GS bietet BMW einen Riding Assistant als Sonderausstattung an. Dazu gehört eine Abstandsregelung im Bereich von 30 bis 160 km/h, die das Tempo senkt, wenn der Abstand zum Vordermann zu klein wird. Bei zu großer Schräglage nimmt sie Tempo heraus. Hat sie ein Fahrzeug vor dir erkannt, baut sie die Verzögerung in Schräglage langsamer auf.

Zum Riding Assistant gehört außerdem eine Frontkollisionswarnung in zwei Stufen. Ist die Bremsunterstützung im Menü aktiviert, überbrückt sie die Reaktionszeit durch leichtes Abbremsen.

Der ADAC erklärt allgemein, warum viele Systeme am Motorrad eher warnen als eingreifen. Ein aktiver Eingriff in Bremse oder Lenkung sei beim Motorrad nur bedingt möglich, und unerwartet könne er eine kritische Lage eher verschärfen.

Laut BMW sind diese radarbasierten Assistenten keine Sicherheitssysteme, die Verantwortung liegt bei dir. Eine Notbremsung kann die Abstandsregelung nicht ausführen, und in schnell gefahrenen Kurven bremst sie nicht ausreichend ab. Das Tempo wählst du dort deshalb selbst entsprechend niedrig. Überstimmen kannst du die Regelung jederzeit. Ihre Stärke ist der Komfort auf langen Autobahnstrecken.

Funktionen aus der App: Mehrwert auf Abruf

Navigation im Display, Musik und Telefon über das Headset laufen bei vielen Modellen über eine App. Honda verbindet bei der NC750X über RoadSync das Smartphone mit Motorrad und Headset, KTM bietet für die 390 Duke die App KTMconnect als Option an.

Wie lange solche Funktionen halten, liegt nicht allein beim Motorrad. Honda weist in der Anleitung der NC750X darauf hin, dass Änderungen an Betriebssystemen, Hard- und Software oder an Vorschriften RoadSync einschränken oder beenden können, eine Gewähr für die Zukunft gebe es nicht.

Bei App-Funktionen kommt die Ablenkung hinzu. Honda warnt, die Nutzung während der Fahrt könne vom Verkehr ablenken, und nennt als mögliche Folge einen Unfall, bei dem du schwer verletzt oder getötet wirst. Das Telefon koppelst du laut Honda erst nach dem Anhalten an einem sicheren Ort.

Elektronisches Fahrwerk: wem es wirklich hilft

Fahrwerke, die sich selbst an Straße und Fahrweise anpassen, stuft der ADAC beim Sicherheitspotenzial als „mittel“ ein. Ihren Nutzen sieht er vor allem bei sportlicher Fahrt auf unebenem Belag und bei starkem Beschleunigen oder Bremsen. Die Einstellung von Federvorspannung und Dämpfung per Knopfdruck zählt er zu den Komfortsystemen.

Komfort kann trotzdem viel wert sein. An der R 1300 GS passt sich das Fahrwerk mit der Sonderausstattung DSA laut BMW selbst an die Beladung an, mit Sozius und Gepäck sparst du dir so das Einstellen der Vorspannung. Ohne DSA verlangt die Anleitung, die Federvorspannung hinten an die Beladung anzupassen. Mit der adaptiven Fahrzeug-Höhenregelung, ebenfalls Sonderausstattung, senkt sich die Maschine beim Anhalten in die tiefe Fahrhöhe ab. BMW schreibt, das verbessere die Bodenerreichbarkeit.

Fährst du meist allein und mit leichtem Gepäck, musst du ein mechanisches Fahrwerk selten verstellen. Einmal auf dein Gewicht eingestellt, passt es dann für die meisten Fahrten.

So prüfst du Features auf der Probefahrt

Ob ein Feature für dich Mehrwert hat, zeigt erst die Probefahrt, der Prospekt verrät es nicht. Wechsle den Fahrmodus so, wie es die Anleitung vorsieht, und achte darauf, ob du den Unterschied spürst. Bediene die Menüs im Stand und mit Handschuhen, und frag den Händler, welche Funktionen nur mit App, Konto oder einem bestimmten Smartphone laufen.

Bei den Sicherheitssystemen lohnt die Frage nach der Serienausstattung. ABS ist seit 2017 Pflicht für jedes neue Motorrad über der 125er-Klasse, ausgenommen Wettbewerbs-Enduros und Trialmaschinen. Ein Kurven-ABS ist dagegen nicht überall serienmäßig. Steckt es in einem Paket mit Komfortfunktionen, zahlst du den Komfort mit.

Die Bedienungsanleitung nennt der ADAC in diesem Zusammenhang Pflichtlektüre. Er empfiehlt außerdem, sich die Systeme beim Händler erklären zu lassen und in regelmäßigen Abständen ein Sicherheitstraining zu fahren. Mit ABS und erst recht mit Kurven-ABS musst du laut ADAC im Notfall richtig umgehen können, damit du den Sicherheitsgewinn auch nutzen kannst.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Welche Ausstattung dein Modell serienmäßig hat, sagen dir Händler oder Hersteller.

Was würdest du vermissen?

Fast jedes Modelljahr bringt neue Features, und manche davon machen das Fahren tatsächlich sicherer. Welche das sind, zeigt dir der Alltag oft nicht.

Stell dir vor, eine Funktion fehlt morgen früh. Ohne ABS merkst du vielleicht wochenlang keinen Unterschied, bis zur ersten Notbremsung auf nasser Straße. Den fehlenden Tempomat vermisst du dagegen schon auf der nächsten Autobahnetappe. Was dir zuerst fehlen würde, ist nicht unbedingt das, was dich schützt.

❓ Häufige Fragen zu Features und Assistenzsystemen am Motorrad

Welche Assistenzsysteme am Motorrad bringen am meisten Sicherheit?

Den höchsten Sicherheitsgewinn schreibt der ADAC dem ABS und dem kurventauglichen ABS zu. Danach folgen Kombibremse, Abhebeschutz für die Räder und eine Traktionskontrolle, die auch in Schräglage regelt.


Was ändert ein Fahrmodus am Motorrad?

Fahrmodi stellen mehrere Systeme gemeinsam ein, je nach Modell etwa Gasannahme, Leistung, Motorbremse, Traktionskontrolle und ABS. Was genau sich ändert, verrät die Anleitung deiner Maschine. Die Geländemodi der R 1300 GS, etwa ENDURO, sind laut BMW nur für Fahrten im Gelände gedacht.


Bremst der Abstandstempomat am Motorrad selbst?

Abstandstempomaten nehmen Tempo heraus, sobald du einem vorausfahrenden Fahrzeug zu nahe kommst. Der ADAC nennt für solche Systeme Bremsungen bis 0,5 g. Für die R 1300 GS stellt BMW klar, dass die Regelung keine Notbremsung kann und die Verantwortung bei dir bleibt.


Lässt sich der Fahrmodus unterwegs umschalten?

Den Fahrmodus wechselst du je nach Modell im Stand oder während der Fahrt. An der Honda NC750X sieht die Anleitung dafür einen Halt vor. Die KTM 390 Duke und die BMW R 1300 GS erlauben den Wechsel auch unterwegs, mit geschlossenem Gas.


Funktionieren App-Funktionen am Motorrad dauerhaft?

App-Funktionen am Motorrad sind nicht immer auf Dauer zugesagt. Für RoadSync schreibt Honda, dass neue Software oder geänderte Vorschriften den Umfang verringern oder den Dienst ganz einstellen können.


Lohnt sich ein elektronisches Fahrwerk?

Elektronische Fahrwerke lohnen sich eher, wenn du oft mit wechselnder Beladung fährst, etwa mit Sozius und Gepäck. Beim Sicherheitspotenzial gibt der ADAC einem Fahrwerk, das sich selbst anpasst, ein „mittel“. Die Verstellung per Knopfdruck zählt er zum Komfort.

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