
Ab Werk ist sie ausgeschaltet, die aktive Geräuschunterdrückung, kurz ANC. Das steht in der Anleitung zum Kommunikationssystem, das Cardo gemeinsam mit Schuberth für den Helm C5 ANC entwickelt hat. Einschalten musst du sie selbst: zwei Sekunden auf die Minustaste der Fernbedienung oder ein „Hey Cardo, ANC ein“. Dieser Motorradhelm mit ANC wird also erst auf deinen Befehl leiser.
Leiser werden soll dann vor allem das Dauerrauschen von Wind und Motor. Hupen und Sirenen dagegen sollen weiter durchkommen. So verspricht es der Hersteller. Ob es auf deiner Strecke so ist, musst du selbst herausfinden. Denn dass Geräte dein Gehör beim Fahren nicht beeinträchtigen, dafür bist laut Straßenverkehrs-Ordnung du verantwortlich.
Die Motorräder wurden leiser und leistungsfähiger, und damit rückte ein anderes Geräusch in den Blick: der Fahrtwind am Helm. So beschrieb es der britische HNO-Arzt Andrew McCombe 2003 in einem Fachaufsatz. Seine Gruppe hatte seit Anfang der Neunzigerjahre gemessen, was unter dem Helm am Ohr ankommt. Die Studien, die er zusammenträgt, kommen auf ähnliche Werte: rund 90 Dezibel bei 60 km/h und rund 110 Dezibel bei 160 km/h. Seine eigenen Versuche zeigten schon nach einer Stunde schneller Fahrt eine vorübergehende Hörminderung, und die Fahrer klagten über Pfeifen im Ohr.
Die meiste Schallenergie lag laut McCombe zwischen 250 und 500 Hertz, also bei tiefen Tönen. Und ausgerechnet die hielten die gemessenen Helme kaum zurück. Bei 250 Hertz stießen die Forscher sogar auf eine Resonanz, ein Mitschwingen bei diesem Ton. Schale und Polster sind dafür gebaut, deinen Kopf zu schützen. Gegen tiefes Brummen helfen sie wenig.
Was bei 120 auf der Autobahn unter dem Helm ankommt, ist deshalb vor allem ein tiefes Dröhnen. Genau dort setzt die Elektronik an.
Neu ist das Prinzip nicht. Mikrofone nehmen das Geräusch auf, eine Elektronik erzeugt daraus eine Schallwelle, die genau entgegengesetzt schwingt, und die Lautsprecher spielen sie direkt am Ohr ab. Treffen beide Wellen aufeinander, löschen sie sich zu einem großen Teil aus. Sena beschreibt das für seinen Phantom ANC so, dass der Helm äußere Geräusche erkennt und Schallwellen erzeugt, um sie auszublenden.
Cardo vergleicht sein System selbst mit modernen ANC-Kopfhörern. Laut Anleitung analysiert es ständig die Umgebung und passt seinen Algorithmus in Echtzeit an Tempo, Windwirbel und Straßenzustand an. Die Gegenwelle soll mitgehen, wenn du beschleunigst oder der Belag wechselt.
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, kurz DGUV, hat dazu einen Satz, der für Motorradfahrer wie gemacht ist. In ihrer Regel zur Benutzung von Gehörschutz steht, die beste Wirkung zeige diese Technik bei tiefen Frequenzen. In einer Übersicht nennt sie dafür den Bereich bis etwa 1.000 Hertz, also auch das Band, in dem McCombe das meiste Windgeräusch fand. Was höher liegt, helles Zischen und Pfeifen, bleibt Sache von Schale, Polstern und Dichtungen.
Sinnvoll seien Gehörschützer mit Gegenschall dort, wo zusätzliche Dämmung gegen tiefen Schall gebraucht wird, schreibt die DGUV. Für Kapselgehörschützer dieser Art gibt es mit der EN 352-5 eine eigene Norm. Piloten nutzen seit vielen Jahren auch Headsets mit dieser Technik, die gar nicht als Gehörschutz zugelassen sind. Auch beim Motorradhelm mit ANC ist davon in den Anleitungen von Cardo und Sena keine Rede, Dämpfungswerte stehen dort ebenfalls nicht. Versprochen wird Ruhe, nicht geprüfter Gehörschutz.
Das ist die erste Frage an jeden Motorradhelm mit ANC, und sie hat einen ernsten Hintergrund. Blaues Blinklicht zusammen mit dem Einsatzhorn, im Alltag Martinshorn genannt, ordnet nach § 38 Abs. 1 StVO an: „Alle übrigen Verkehrsteilnehmer haben sofort freie Bahn zu schaffen“. Kommt das Einsatzfahrzeug von hinten, kann das Horn das Erste sein, was du davon mitbekommst, noch bevor das Blaulicht im Spiegel auftaucht.
Cardo beantwortet die Frage mit Ja. Laut seiner Anleitung sind Hupen und Sirenen weiterhin zu hören. Auf seiner Internetseite schreibt der Hersteller, die Unterdrückung blende absichtlich nicht alle Geräusche aus. Abgestimmt sei sie auf die gleichbleibenden Hintergrundgeräusche, die müde machen, also auf Wind und Motor, nicht auf den Verkehr um dich herum.
Nur bleibt das eine Angabe des Herstellers. Eine Messung von unabhängiger Seite, wie gut ein Martinshorn unter einem Helm mit eingeschalteter Unterdrückung durchkommt, ließ sich im Oktober 2026 nicht finden.
Sena geht einen zweiten Weg. Neben der Unterdrückung hat der Phantom ANC einen Umgebungsmodus. Beide liegen auf derselben Taste: Einmal drücken schaltet die Unterdrückung, eine Sekunde halten den Umgebungsmodus. Ist er an, hörst du laut Anleitung auch mit aufgesetztem Helm äußere Geräusche sehr deutlich. Für eine Ortsdurchfahrt mit Fußgängern, Fahrradklingeln und Einsatzfahrzeugen ist das die passendere Einstellung.
Sicherheitshinweis: Dass du ein Martinshorn in jeder Lage rechtzeitig hörst, kann dir kein Hersteller zusagen. Überhörst du es, stehst du im schlimmsten Fall einem Einsatzfahrzeug im Weg. Probier die Geräuschunterdrückung zuerst auf einer vertrauten Strecke und schalte sie auf ruhigen Abschnitten im Wechsel ein und aus. Was ändert sich, wenn dich ein Auto überholt oder ein Lkw entgegenkommt? Hörst du ein überholendes Auto mit Unterdrückung deutlich später als ohne, dämpft sie auch, was du hören solltest. Solange du nicht weißt, was noch zu dir durchdringt, bleibt sie aus.
Ohrstöpsel dämmen passiv, mit Material im Gehörgang, über den ganzen Tonbereich, nur nicht überall gleich stark. Wie sehr die Dämmung von der Tonhöhe abhängt, ist laut DGUV je nach Modell verschieden, und manche dämmen vor allem die hohen Töne kräftig. Stöpsel, die alles ähnlich stark leiser machen, nennt die DGUV flach schalldämmend. Dadurch bleibt der Klangeindruck erhalten, Stimmen und Signale klingen gedämpft, aber nicht fremd. Die Elektronik im Helm legt dagegen gezielt bei den tiefen Tönen etwas drauf.
Andrew McCombes Gruppe hat zwei Wege gegen den Windlärm erprobt. Ohrstöpsel verhinderten die vorübergehende Hörminderung nach schneller Fahrt und schnitten beim Erkennen von Signalen vergleichsweise sicher ab. Stöpsel helfen allerdings nur, wenn Fahrer mitmachen, und nicht alle können oder wollen sie tragen. Der zweite Weg waren Kapseln in der Helmschale, die mit Luftdruck arbeiteten und sich, anders als Stöpsel, ein- und ausschalten ließen. Auf Dauer, schrieb McCombe, seien besser gebaute Helme wohl die beste Lösung.
Gut 20 Jahre später gibt es Helme, in denen die Gegenschall-Technik fest verbaut ist. Das System von Cardo ist laut Hersteller auf die Akustik im Inneren des C5 ANC abgestimmt und deshalb weder einzeln noch als Nachrüstsatz zu haben. Bei diesem System kaufst du die Ruhe mit dem Helm.
Und ist der Akku leer, bleibt nur, was Schale und Polster leisten. Die Anleitung nennt für einen vollen Akku 13 Stunden Sprechzeit, nach 20 Minuten Laden reicht es für zwei Stunden. Wie viel davon die Geräuschunterdrückung verbraucht, steht dort nicht.
Ein großer Unterschied im Alltag ist der Schalter. Stöpsel setzt du vor der Fahrt ein, und herausnehmen kannst du sie erst, wenn der Helm wieder ab ist. Die Elektronik schaltest du unterwegs ein und aus, bei Cardo auch per Sprachbefehl, ohne die Hand vom Lenker zu nehmen. Ein Motorradhelm mit ANC spielt seine Stärke dort aus, wo das tiefe Dröhnen am längsten anhält, auf der Autobahn. Wer mit Stöpseln gut zurechtkommt, hat eine Lösung, die keinen Strom braucht und mit jedem Helm funktioniert.
Die Straßenverkehrs-Ordnung nennt weder Ohrstöpsel noch Geräuschunterdrückung. Das Gehör kommt nur in § 23 Abs. 1 StVO vor, in einem ganz allgemeinen Satz. Wer fährt, ist laut diesem Satz dafür verantwortlich, dass Geräte weder Sicht noch Gehör beeinträchtigen, ebenso wenig Ladung, Mitfahrer oder der Zustand des Fahrzeugs. Wie diese Pflicht bei einem bestimmten Helm aussieht, steht dort nicht.
Deutlicher wird die DGUV, allerdings für den Beruf. Ihre Regel zum Gehörschutz verlangt, dass Signalhören auch für Menschen, die im öffentlichen Straßenverkehr ein Fahrzeug führen, sicher möglich ist. Brauchen sie dabei Gehörschutz, sind nur geeignete Modelle vorgesehen, und eine Hörprobe muss bestanden und spätestens nach drei Jahren wiederholt werden.
Wie so eine Hörprobe abläuft, beschreibt eine DGUV-Information von 2003, auf die die Regel bis heute verweist. Die Probe findet abseits des öffentlichen Verkehrs statt, etwa auf einem Betriebshof. Am Steuer lässt die Testperson den Motor im Stand mit Vollgas laufen. Ein Pkw fährt hinter ihrem Fahrzeug langsam rückwärts und hupt ungefähr alle zwei Meter, bis sie ohne Gehörschutz nichts mehr hört. An der letzten Stelle, an der sie das Hupen noch gehört hat, geht es mit Gehörschutz weiter. Bestanden hat nur, wer dort zehn von zehn Hupsignalen erkennt.
Für deine private Ausfahrt ist diese Regel nicht geschrieben. Der Gedanke dahinter passt trotzdem: Die Signale, auf die es ankommt, müssen dich erreichen. Die Vorschrift in der StVO richtet sich an den, der fährt. Ob dein Motorradhelm mit ANC gerade dämpft oder nicht, entscheidest du mit einem Tastendruck, und damit auch, wie viel vom Verkehr du noch hörst.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Einen Fachanwalt für Verkehrsrecht fragst du nach deinem Einzelfall, den Hersteller nach der Technik deines Helms.
Die Geräuschunterdrückung passt du der Strecke an. Eingeschaltet auf langen Autobahnetappen bei gleichbleibendem Tempo. Ausgeschaltet schon ein Stück vor dem Ortsschild, vor der Baustelle und überall dort, wo Menschen zu Fuß unterwegs sind. Den Tastendruck erledigst du auf einer ruhigen Geraden, nicht während du bremst und herunterschaltest. Schon McCombe schrieb, gutes Hören sei in der Stadt wahrscheinlich ein Vorteil.
Ausgeschaltet auch im Stau. Dort fehlt der Fahrtwind, gegen den sich die Ruhe am meisten lohnt, und gerade dort kommen Einsatzfahrzeuge durch die Rettungsgasse.
Rechne auf den ersten Fahrten mit einer Umstellung. Die DGUV weist bei Gehörschutz darauf hin, dass ein veränderter Höreindruck Gewöhnung erfordern kann, bis Maschinengeräusche wieder sicher eingeordnet werden. Wenn du die Gänge nach Gehör wechselst, klingt dein Motor mit eingeschalteter Unterdrückung leiser als gewohnt.
Die Ruhe soll dich auf langen Etappen schonen, nicht vom Verkehr abschirmen. Setzt irgendwo ein Martinshorn ein, solltest du wissen, ob die Elektronik gerade läuft, ohne erst darüber nachzudenken.
Was macht ANC in einem Motorradhelm?
ANC in einem Motorradhelm nimmt das Umgebungsgeräusch mit Mikrofonen auf und spielt über die Lautsprecher eine entgegengesetzte Schallwelle ab. Beide heben sich zu einem guten Teil auf, am besten bei tiefen Tönen. Genau dort liegt ein großer Teil des Windgeräuschs unter dem Helm.
Kann ich mit einem ANC-Helm noch Martinshorn und Hupe hören?
Martinshorn und Hupe bleiben nach Angaben von Cardo hörbar, weil das System im Schuberth C5 ANC gezielt das Dauerrauschen dämpft. Eine Prüfung durch Dritte war bis Oktober 2026 nicht zu finden. Teste die Funktion auf bekannten Wegen und schalte sie im Zweifel ab.
Erlaubt die StVO einen Helm mit Geräuschunterdrückung?
Einen Helm mit Geräuschunterdrückung erwähnt die Straßenverkehrs-Ordnung an keiner Stelle. Allgemein macht sie dich dafür verantwortlich, dass auch Geräte beim Fahren dein Gehör nicht beeinträchtigen. Bist du unsicher, ob Hupe und Martinshorn noch durchkommen, schalte die Unterdrückung ab.
Gibt es ANC zum Nachrüsten?
Das ANC-System von Cardo für den Schuberth C5 ANC gibt es laut Hersteller weder einzeln noch als Nachrüstsatz, weil es auf die Akustik genau dieses Helms abgestimmt ist. Beim Sena Phantom ANC gehört die Technik zu einer eigenen Helmvariante. Für sein Kommunikationssystem 60S, das am Helm angeklemmt wird, verweist Sena in der Anleitung auf passende ANC-Ohrhörer, die separat zu kaufen sind.
Ersetzt ein ANC-Helm Ohrstöpsel?
Ein Helm mit ANC ersetzt Ohrstöpsel nur zum Teil, denn beide arbeiten unterschiedlich. Stöpsel dämpfen passiv jede Tonlage, je nach Modell aber nicht jede gleich stark. Die Elektronik verstärkt die Dämmung vor allem bei tiefen Tönen und lässt sich unterwegs abschalten. Welche Lösung für dich passt, hängt davon ab, wie viel Autobahn du fährst und wie gut du mit Stöpseln zurechtkommst.
Wofür ist der Umgebungsmodus beim Sena Phantom ANC da?
Der Umgebungsmodus beim Sena Phantom ANC sorgt laut Anleitung dafür, dass du äußere Geräusche trotz Helm sehr deutlich hörst. Er ist das Gegenstück zur Geräuschunterdrückung und lässt sich mit einem längeren Druck auf die ANC-Taste ein- und ausschalten. Sinnvoll ist er etwa bei Ortsdurchfahrten.
Passen Ohrstöpsel und ANC zusammen?
Zur Kombination aus Ohrstöpseln und ANC sagen weder Cardo noch Sena in ihren Anleitungen etwas. Mit Stöpseln kommt zur Dämmung des Helms eine zweite hinzu, und auch Hupe und Martinshorn werden dann leiser. Zu viel Dämmung heißt beim Arbeitsschutz Überprotektion, und laut der Unfallversicherung DGUV erschwert sie es, Warnsignale wahrzunehmen. Kombinierst du beides, prüf deshalb besonders genau, ob Signale noch sicher bei dir ankommen.
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