
Es gibt Stürze, die beenden ein Rennen. Und es gibt Stürze, die ein Rennen erst zur Geschichte machen. Was Lotte van Drunen am Wochenende beim WMX-Auftakt in Lacapelle-Marival ablieferte, gehört in die zweite Kategorie. Die zweifache Weltmeisterin flog ausgerechnet über den Zielsprung ab, rappelte sich als Letzte wieder auf – und kämpfte sich von ganz hinten zurück auf Rang neun. Wer den Beginn ihrer Titelverteidigung sehen wollte, bekam ihn. Nur anders, als es irgendjemand auf dem Zettel hatte.
Am Ende stand ein vierter Platz in der Tageswertung. Klingt unspektakulär. War es nicht. Denn zwischen diesem vierten Platz und einem Tag zum Vergessen lagen genau die Sekunden, in denen sich entscheidet, ob jemand Weltmeisterin ist oder nur schnell.

Lacapelle-Marival, tief im Süden Frankreichs. Trockener, harter Boden am Samstag, der über Nacht kräftig gewässert wurde – die klassische Mischung, die aus einem Motocross-Kurs binnen Stunden eine völlig andere Strecke macht. Van Drunen kam gut rein. Dritte Zeit in der Qualifikation, die Ausgangslage für ein souveränes Wochenende schien gelegt.
Das erste Rennen begann sogar besser als geplant. Perfekter Start, der Holeshot-Moment, in dem 40 Fahrerinnen in die erste Kurve drängen und nur eine vorne rauskommt – van Drunen war diese eine. Wer den Start im Motocross nicht gewinnt, verbringt das halbe Rennen damit, durch Staub und Steinschlag nach vorne zu kämpfen. Den Holeshot zu holen heißt: freie Sicht, freie Linie, Kontrolle. Genau die hatte sie. Für ein paar Sekunden gehörte ihr das ganze Rennen.
Dann, im Verlauf der Eröffnungsrunde, fiel sie auf Position drei zurück. Kein Drama, das passiert auf der ersten Runde ständig, wenn die Schnellen ihren Rhythmus suchen. Und dann passierte das, was niemand sehen will: Sturz über den Zielsprung. Spektakulär, hart, und vor allem an der denkbar ungünstigsten Stelle – mitten im Feld, vor aller Augen, an der Stelle, an der ein Highsider am wehtut, weil das ganze Tempo aus dem Sprung noch in der Maschine steckt.
Hier trennt sich das Talent vom Charakter. Eine 18-Jährige, die gerade von der Spitze ans Ende des Feldes durchgereicht wurde, hätte allen Grund, den Tag abzuhaken. Van Drunen stieg wieder auf und fuhr eines dieser Rennen, von denen die Szene noch eine Weile reden wird. Von Platz vierzig zurück auf Platz neun. Zwölf Punkte, die an einem normalen Tag nie zur Debatte gestanden hätten – und die in einer langen WM-Saison über Titel oder Vize entscheiden können.

Im zweiten Lauf zeigte sie die andere Seite ihres Fahrens. Keine Brechstange, keine Wiedergutmachung um jeden Preis. Auf dem über Nacht stark gewässerten Geläuf ging sie die ersten Runden mit angezogener Handbremse an – buchstäblich vorsichtig, weil ein zweiter Sturz an diesem Tag teuer geworden wäre.
Von Rang sieben arbeitete sie sich nach vorne, war am Ende der zweiten Runde bereits Dritte. Vorne hatten sich die führenden zwei zu diesem Zeitpunkt schon abgesetzt – der Zug war abgefahren. Statt eines aussichtslosen Angriffs verwaltete van Drunen ihren Vorsprung auf Platz vier souverän nach hinten und brachte den dritten Rang sicher ins Ziel.
Neun und drei. Macht in der Addition Platz vier am Tag. Für eine amtierende Doppel-Weltmeisterin auf den ersten Blick wenig. Auf den zweiten Blick: ein Statement. Wer nach einem Highsider über die Ziellinie noch zweistellige Punkte einfährt und tags darauf aufs Podest fährt, der hat genau die Eigenschaft, die Meisterschaften gewinnt – die Fähigkeit, einen schlechten Moment nicht zum schlechten Wochenende werden zu lassen.

Von Platz vierzig zurück auf Platz neun – das liest sich wie eine Zahl. Wer selbst schon mal im Dreck von ganz hinten gestartet ist, weiß, was dahintersteckt. Überholen im Motocross ist kein Knopfdruck. Es gibt keine DRS-Zone, kein Windschatten-Spiel wie auf der Rennstrecke. Du musst jede einzelne Position auf der Strecke erkämpfen, in Kurven, in denen schon eine Fahrerin zu viel ist, durch Staub, der dir die Sicht nimmt, über Bodenwellen, die längst von 40 Maschinen aufgerissen wurden.
Und du fährst gegen die Uhr im Kopf. Jede zu mutige Linie kann der nächste Sturz sein, jede zu vorsichtige kostet die Plätze, die du eigentlich aufholen willst. Genau in dieser Mischung – aggressiv genug, um vorzukommen, kontrolliert genug, um nicht ein zweites Mal im Fangzaun zu landen – liegt die Kunst. Van Drunen hat diese Balance an einem Tag gehalten, an dem die meisten entweder erneut gestürzt wären oder resigniert hätten.
Dazu kommt der Boden, der sich über das Wochenende komplett verändert. Samstag hart und griffig, Sonntag nach der Wässerung weich und tückisch. Eine Strecke, zwei völlig verschiedene Sportarten. Wer hier zurückkommt, beweist nicht nur Mut, sondern Anpassungsfähigkeit. Und genau die unterscheidet die schnellen Fahrerinnen von den konstant erfolgreichen.
Lotte van Drunen ist 18 und hat bereits zwei WMX-Titel im Schrank – 2024 in der Türkei geholt, 2025 in Australien verteidigt, beide auf der GYTR-veredelten YZ250F des De-Baets-Yamaha-Teams. In diesem Jahr geht sie auf den dritten Titel in Folge. Das allein wäre Geschichte genug. Bemerkenswert ist, was sie vorher gemacht hat: Sie ist früher in der Saison drei Läufe der MX2-Weltmeisterschaft gefahren. Also gegen die Männer. In der härtesten Nachwuchsklasse, die der Motocross-Sport zu bieten hat.
Das verändert den Blick auf diesen vierten Platz. Van Drunen kam nicht aus der Winterpause direkt zum WMX-Auftakt, sondern aus einem Umfeld, in dem die Pace noch einmal eine andere Liga ist. Manche in der Szene sehen genau darin ihren Vorteil: Wer regelmäßig hinter MX2-Tempo herfährt, dem kommt das WMX-Niveau hinterher schneller beherrschbar vor. Bewiesen ist das nicht – aber ihre Aufholjagd im ersten Rennen klang verdächtig nach jemandem, dem Risiko und Tempo keine Angst mehr machen.
Bleibt die Frage, die nach jedem Auftakt mit Sturz im Raum steht: War das ein Warnsignal oder ein Ausrutscher? Die ehrliche Antwort lautet, dass ein einzelner Lauf das nicht beantwortet. Was er beantwortet, ist die Frage nach dem Kopf. Und der saß auch nach dem Abflug noch fest auf den Schultern.

Die WMX, die Frauen-Motocross-Weltmeisterschaft, läuft im öffentlichen Bewusstsein oft unter dem Radar. Zu Unrecht. Das Niveau an der Spitze ist hart, das Feld international und tief, und gefahren wird auf denselben anspruchsvollen Strecken wie bei den MXGP-Rennen, eingebettet ins selbe Grand-Prix-Wochenende. Wer hier vorne mitfährt, fährt auf Weltklasse-Niveau – Punkt.
Van Drunen ist dafür das beste Beispiel. Sie hat sich nicht nur in der WMX durchgesetzt, sondern bereits als Jugendliche gegen Jungs in den Nachwuchsklassen Ergebnisse eingefahren, bevor sie überhaupt das WMX-Mindestalter erreicht hatte. Diese Sozialisation im gemischten Feld hört man ihrem Fahrstil an: kompromisslos, kopfgesteuert, ohne die Scheu, eng zu kämpfen. Dass sie in derselben Saison MX2-Läufe gegen die Männer bestreitet und in der WMX um den Titel fährt, ist im modernen Motocross weniger Ausnahme als Trend – die besten Fahrerinnen messen sich längst klassenübergreifend.
Genau das macht ihre Titelverteidigung interessant. Es geht nicht nur um die Frage, ob sie ein drittes Mal Weltmeisterin wird. Es geht um die Frage, wie weit eine Fahrerin im aktuellen Motocross kommen kann, die früh gelernt hat, dass das Geschlecht auf der Strecke keine Rolle spielt – nur die Rundenzeit.

Während die WMX in Frankreich erst begann, lief für die EMX125 bereits die fünfte Runde – und für ein Team war dieses Wochenende mehr als nur ein weiterer Termin im Kalender. Lacapelle-Marival ist für das MJC Yamaha Official EMX125 Team und seinen Fahrer Sleny Goyer Heimspiel. Französischer Boden, französisches Publikum, die Startnummer 350 vor den eigenen Leuten. Das ist der Druck, den man sich als junger Fahrer wünscht und vor dem man gleichzeitig die meiste Angst hat.
Goyer hat ihn ausgehalten. Dritte Zeit in seiner Qualifikationsgruppe, dann zwei Rennen, in denen er genau das zeigte, was seine bisherige Saison ausmacht: Konstanz auf hohem Niveau. Im ersten Lauf ging er von Position zehn nach vorne und kam als Vierter ins Ziel. Im zweiten setzte er seinen starken Start auf der Zweitakt-YZ125 in Zählbares um – Platz zwei. Macht Rang drei in der Tageswertung und damit das dritte Podest in der dritten Saisonrunde, die er bestritten hat. In der Gesamtwertung bleibt er Dritter.
Drei Podien aus drei Starts. Das ist keine Eintagsfliege mehr, das ist eine Linie. Und es passt zu dem, was wir über Goyer schon beim EMX125-Lauf in Riola Sardo geschrieben haben, wo er den Yamaha-Debütsieg nach einem Technik-Drama holte. Der junge Franzose hat sich in dieser Saison vom Versprechen zum festen Wert entwickelt.
Wer die Klasse nicht auf dem Schirm hat: Die EMX125 ist die Einstiegsklasse ins europäische Motocross-Geschäft, gefahren auf 125er-Zweitaktern. Kein Strom, keine Fahrhilfen, kein großes Drehmoment, das Fehler kaschiert. Hier zählt Drehzahl halten, Linie finden, niemals vom Gas. Eine Schule, die ehrlicher ist als fast jede andere – und genau deshalb das Sprungbrett, über das die meisten künftigen MX2- und MXGP-Fahrer gegangen sind.
Der Zweitakter zwingt zu einer Fahrweise, die viele moderne Viertakt-Fahrer erst mühsam lernen müssen: Drehzahl ist alles. Fällt der kleine 125er aus dem Drehzahlband, ist die Power weg – kein satter Schub aus dem Keller fängt das ab. Du musst die Maschine permanent am Singen halten, Kupplung und Schaltung im richtigen Moment, Kurvenausgang nach Kurvenausgang. Wer das in der EMX125 lernt, dem fällt später auf der dicken Maschine vieles leichter. Goyers saubere Starts und seine Fähigkeit, im Rennverlauf nach vorne zu fahren, sprechen für genau diese Schule.
Dass er das ausgerechnet beim Heimspiel zeigt, macht den Auftritt wertvoller. Heimrennen sind im Motorsport eine zweischneidige Sache. Das Publikum trägt dich – oder der Druck erdrückt dich. Viele junge Fahrer fahren vor den eigenen Leuten ihr schlechtestes Wochenende, weil sie zu viel wollen. Goyer hat das Gegenteil getan: kühlen Kopf, sauberer Start, das Maximum mitgenommen. Drittes Podest in Folge, und das auf dem Boden, auf dem er gemessen wird. Das ist die Sorte Souveränität, die Teams bei Nachwuchsfahrern suchen.
Goyers Teamkollege Levi Townley lieferte an diesem Wochenende eine andere, leisere Geschichte. Der Neuseeländer war die ersten vier Saisonrunden verletzungsbedingt außen vor – und das Comeback nach einer Pause ist im Motocross selten ein Selbstläufer. Wer wochenlang nicht im Renntempo war, dem fehlt nicht die Technik, sondern das, was Fahrer „Renngefühl” nennen: dieses millimetergenaue Vertrauen, mit dem man eine Welle anbremst oder eine Innenlinie zumacht.
Townley tastete sich heran. Platz sieben im ersten, Rang sechs im zweiten Rennen – am Ende ein fünfter Platz in der Tageswertung. Für ein Comeback-Wochenende ist das stark. In der Gesamtwertung steht er damit auf Position zwanzig, bei fünf verbleibenden Runden. Klingt nach viel Rückstand. Ist aber, wenn man die vier verpassten Läufe gegenrechnet, vor allem eine Ansage: Er ist zurück, und er ist schnell.
Diese zwei Fahrer im selben Team – Goyer auf dem Podest, Townley im Comeback-Modus – zeigen ganz gut, wie unterschiedlich eine Saison für zwei junge Talente verlaufen kann. Der eine sammelt Selbstvertrauen, der andere muss es sich Runde für Runde zurückholen. Beides gehört zum Geschäft.
Ein Rennwochenende reduziert sich in der Tabelle auf Zahlen. Vierter, Dritter, Fünfter. Aber hinter diesen Zahlen steckt eine Maschinerie, die der Zuschauer am Streckenrand nie ganz sieht. Mechaniker, die zwischen den Läufen das Fahrwerk an die gewässerte Strecke anpassen. Trainer, die im richtigen Moment das richtige sagen – oder schweigen. Eine Teamstruktur, die einen Sturz wie den von van Drunen nicht zur Krise hochkocht, sondern in den zweiten Lauf übersetzt.
Genau das ist der Punkt, der den Yamaha-Auftritt in Frankreich verbindet. Eine Doppel-Weltmeisterin, die nach einem üblen Abflug Punkte rettet. Ein Heim-Pilot, der dem Druck standhält. Ein Rückkehrer, der sofort wieder vorne mitfährt. Das sind drei verschiedene Geschichten – aber sie erzählen dieselbe: Konstanz ist im Motocross die unterschätzteste Tugend. Nicht der eine spektakuläre Sieg gewinnt Meisterschaften, sondern die Fähigkeit, an einem schlechten Tag trotzdem das Maximum mitzunehmen.
Was den Auftritt von Lotte van Drunen in der WMX am Ende auszeichnet, ist nicht die Platzierung, sondern die Haltung dahinter. Vierter werden, obwohl der Tag eigentlich verloren war – das ist die Sorte Ergebnis, aus der am Saisonende Titel werden.
Für van Drunen geht es schon kommendes Wochenende weiter – nach Deutschland, zur zweiten WMX-Runde, wo zugleich die EMX250-Saison wieder anrollt. Ein Heimspiel-Gefühl wird das für die Niederländerin nicht, aber die Strecken in Deutschland kennt sie, und ein Auftakt mit Sturz ist eine gute Motivation, im zweiten Anlauf alles richtig zu machen.
Die EMX125 macht später weiter: parallel zum MXGP von Lettland am 6. und 7. Juni. Goyer fährt dann als Tabellendritter an, mit der Sicherheit von drei Podesten im Rücken und der offenen Frage, wann aus dem konstanten Podestfahrer der Mann wird, der ein Wochenende komplett dominiert. Townley hat fünf Runden, um sich von Platz zwanzig nach vorne zu arbeiten – genug Zeit, wenn der Körper mitspielt.
Bleibt ein Bild aus Frankreich, das hängen bleibt. Eine 18-jährige Doppel-Weltmeisterin, die über den Zielsprung abfliegt, als Letzte aufsteht und trotzdem zweistellig punktet. Manche fahren ihr Leben lang, ohne diese eine Eigenschaft zu lernen. Sie hat sie schon. Und genau deshalb wäre niemand überrascht, wenn am Ende dieser Saison wieder ihr Name oben steht.
Wie hat Lotte van Drunen beim WMX-Auftakt 2026 in Frankreich abgeschnitten?
Van Drunen wurde in Lacapelle-Marival Vierte in der Tageswertung. Im ersten Rennen stürzte sie über den Zielsprung, fuhr von ganz hinten zurück auf Rang neun und holte zwölf Punkte. Im zweiten Lauf wurde sie Dritte. Aus neun und drei ergab sich der vierte Gesamtrang.
Wie viele WMX-Titel hat Lotte van Drunen?
Van Drunen ist zweifache WMX-Weltmeisterin. Sie holte den Titel 2024 und verteidigte ihn 2025, beide Male auf einer GYTR-veredelten Yamaha YZ250F des De-Baets-Yamaha-Teams. In der Saison 2026 fährt sie um den dritten Titel in Folge.
Wer ist Sleny Goyer?
Sleny Goyer ist ein französischer Nachwuchsfahrer des MJC Yamaha Official EMX125 Teams. In der EMX125-Europameisterschaft 2026 fährt er auf einer Zweitakt-YZ125 und gehört mit der Startnummer 350 zu den konstantesten Fahrern der Saison.
Wie lief das EMX125-Heimrennen für Sleny Goyer?
Vor französischem Heimpublikum in Lacapelle-Marival wurde Goyer Dritter in der Tageswertung – nach Platz vier im ersten und Platz zwei im zweiten Rennen. Es war sein drittes Podest aus drei bestrittenen Saisonrunden. In der Gesamtwertung der EMX125 bleibt er Dritter.
Was ist die EMX125?
Die EMX125 ist die Einstiegsklasse der europäischen Motocross-Meisterschaft, gefahren auf 125er-Zweitaktmaschinen ohne elektronische Fahrhilfen. Sie gilt als wichtiges Sprungbrett für junge Talente auf dem Weg in die MX2- und MXGP-Weltmeisterschaft.
Wie ist Levi Townley nach seiner Verletzung zurückgekommen?
Der Neuseeländer Levi Townley, Teamkollege von Goyer, verpasste die ersten vier EMX125-Runden verletzungsbedingt. Bei seinem Comeback in Frankreich fuhr er die Ergebnisse sieben und sechs ein und wurde damit Fünfter in der Tageswertung. In der Gesamtwertung steht er auf Platz zwanzig.
Wann und wo geht es für WMX und EMX125 weiter?
Die WMX setzt schon am folgenden Wochenende mit Runde zwei in Deutschland fort, wo auch die EMX250-Saison wieder beginnt. Die EMX125-Meisterschaft macht parallel zum MXGP von Lettland am 6. und 7. Juni weiter.






