Motorrad-Tagestouren ab München: 5 Runden unter 300 km

MotorradZoneMotorradZoneKultur & Lifestylevor 1 Stunde128 Aufrufe

Sonntagmorgen, kurz nach sieben. München schläft noch. Du nicht. Der Tank ist voll, die Luft riecht nach nassem Gras und kaltem Asphalt, und auf dem Mittleren Ring bist du der Einzige mit zwei Rädern. Zwanzig Minuten später ist die Stadt weg. Einfach weg. Stattdessen: Wiesen, Wald, der erste Blick auf die Alpenkette – und dieses Gefühl, das kein Navigationsgerät berechnen kann.

Motorrad-Tagestouren ab München gehören zum Besten, was der süddeutsche Asphalt zu bieten hat. Kein Anlauf nötig, kein halber Tag Autobahn, bevor es anfängt. Du rollst aus der Garage – und 40 Kilometer später stehst du am Kesselberg, am Sudelfeld oder auf einer Straße, die sich so eng an einen Berghang schmiegt, dass du den Fels mit der Fußraste grüßen könntest.

Fünf Runden habe ich zusammengestellt. Alle unter 300 Kilometer, alle als Tagestour machbar, alle mit genug Platz für einen Kaffee, einen Schweinsbraten oder einfach zehn Minuten Stille am Seeufer. Keine davon ist ein Geheimtipp – aber jede hat einen Charakter, den du kennen solltest, bevor du losfährst.

Runde 1: Die Kesselberg-Klassik – 140 km

Jeder Münchner Biker kennt den Kesselberg. Das ist kein Geheimnis, das ist ein Ritual. Und wie bei jedem Ritual steckt der Reiz nicht in der Überraschung, sondern in der Wiederholung.

Die Route führt über die B11 Richtung Starnberg, am Westufer des Starnberger Sees entlang nach Kochel. Bis hierhin ist die Strecke entspannt – breite Straße, sanfte Kurven, der See rechts als stiller Begleiter. Dann kommt der Kesselberg. Knapp 300 Höhenmeter auf sechs Kilometern, enge Kehren, wechselnde Radien. Im unteren Teil noch Wald, oben plötzlich der Walchensee – türkisblau, unwirklich schön, als hätte jemand ein Stück Karibik in die Alpen gelegt.

Aber Vorsicht: Der Kesselberg ist in Fahrtrichtung Kochel zum Walchensee (bergauf) an Wochenenden und Feiertagen für Motorräder gesperrt. Das ist kein neues Gerücht, sondern eine der bekanntesten Streckensperrungen in Bayern. Wer am Sonntag fahren will, muss die Route umdrehen – bergab vom Walchensee nach Kochel ist erlaubt – oder unter der Woche kommen. Unter der Woche rollen hier Kolonnen von Fahrern hoch und runter, und die Kehren sind anspruchsvoller, als sie auf der Karte aussehen. Blinde Kuppen, Gegenverkehr, manchmal Kies in den Scheitelpunkten. Zwischen Kochelsee und Walchensee steht zudem regelmäßig die Polizei mit Tempomessgeräten. Nicht weil sie Biker hassen, sondern weil hier tatsächlich zu viel passiert ist.

Am Walchensee dann der Pflicht-Stopp. Helm ab, Jacke auf, ein Espresso an der Uferstraße. Zurück geht es über Mittenwald oder – kürzer – über die B11 nach Benediktbeuern und durch das Loisachtal. 140 Kilometer, drei Stunden mit Pause. Die perfekte Vormittagsrunde.

Runde 2: Sudelfeld und Tatzelwurm – 210 km

Wenn der Kesselberg der Klassiker ist, dann ist das Sudelfeld der unterschätzte Nachbar. Weniger Verkehr, breitere Kurven, und oben am Pass eine Weite, die dich vergessen lässt, dass München nur 80 Kilometer entfernt liegt.

Du fährst über die A8 Richtung Rosenheim – ja, Autobahn, aber nur kurz – und biegst bei Irschenberg ab. Ab hier wird es ernst. Die Straße schraubt sich durch Fischbachau und Bayrischzell nach oben, vorbei an Almwiesen und Bauernhöfen, die aussehen, als wären sie für eine Postkarte gebaut worden. Das Sudelfeld selbst ist ein Hochplateau auf gut 1.100 Metern, mit einer Passstraße, die sich in langen Bögen über den Kamm zieht. Im Sommer sonnig und trocken, im Frühjahr manchmal noch feucht in den Schattenstellen – Vorsicht.

Den Rückweg machst du über den Tatzelwurm. Die Tatzelwurmstraße (Achtung: Mautstraße – Kleingeld einpacken!) verdient ihren Namen: Sie windet sich wie ein Fabelwesen durch eine Schlucht, eng, schattig, mit Kehren, die auch erfahrene Fahrer konzentrieren. Unten wartet der Gasthof am Tatzelwurm-Wasserfall – ein Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist. Holzbänke, Dampfnudeln, ein Bach, der so laut rauscht, dass du dein Handy nicht hörst. Gut so.

Zurück nach München über Brannenburg und die Inntalautobahn. 210 Kilometer, vier bis fünf Stunden. Eine Tour, die du im Mai zum ersten Mal fährst und im Oktober zum letzten Mal – und dazwischen so oft wie möglich.

Runde 3: Tegernsee–Achenpass – 220 km

Vergiss den Tegernsee. Jedenfalls das Ufer. Das gehört den SUVs und den Tretbooten und den Leuten, die ihren Aperol mit Seeblick trinken. Für Motorradfahrer wird es erst dahinter interessant – dort, wo der Achenpass anfängt und die Postkarten-Idylle aufhört.

Die Anfahrt über die B472 und Bad Wiessee ist Aufwärmprogramm – fließender Verkehr, moderate Geschwindigkeit, ein paar Kurven zum Warmfahren. Dann der Achenpass Richtung Österreich. Sobald du die Grenze überquerst, ändert sich der Asphalt, die Leitplanken werden niedriger, und die Straße wird schmaler. Der Achensee liegt 380 Meter tiefer als der Pass, und die Abfahrt dorthin ist einer dieser Abschnitte, bei denen du am liebsten umdrehen und nochmal fahren würdest.

Am Achensee angekommen hast du zwei Optionen: Rechts herum am Westufer entlang nach Pertisau – ruhig, fast meditativ, mit Blick auf das Karwendelgebirge. Oder links herum über Maurach und weiter ins Inntal, dann über Jenbach und den Zillertal-Zubringer zurück nach Österreich – aber das sprengt die 300-km-Grenze.

Also: Pertisau, Steg am See, Fisch auf dem Teller, Berge im Blick. Dann den gleichen Weg zurück über den Achenpass nach Bad Wiessee und durch das Mangfalltal nach München. 220 Kilometer, und du warst in einem anderen Land – ohne Flughafen, ohne Stau, ohne Plan.

Ein Hinweis für die Frühstarter: Am Achenpass kann es morgens empfindlich kühl sein, selbst wenn München 25 Grad meldet. Eine Lage mehr schadet nie.

Runde 4: Mittenwald und das Karwendel – 250 km

Kalkstein, senkrecht, grau-weiß, so nah, dass du meinst, du könntest ihn anfassen. Das Karwendelgebirge ist keine Kulisse – es ist eine Wand. Und mittendrin: eine Straße, die sich bescheiden am Fuß dieser Wand entlangzieht. Das ist die landschaftlich dramatischste Tour der fünf.

Du fährst über Garmisch-Partenkirchen nach Mittenwald. Die B2 ist bis Garmisch Bundesstraße mit allem, was dazugehört – Lkw-Verkehr, Baustellen, Tempo 80 hinter einem Wohnmobil aus den Niederlanden. Nicht der schönste Teil. Aber ab Garmisch Richtung Mittenwald öffnet sich das Tal, die Straße wird leerer, und links und rechts stehen plötzlich Berge, die nicht mehr lieblich sind, sondern ernst.

Mittenwald selbst ist eine Geigenbauerstadt mit Lüftlmalerei an den Fassaden und einem Ortskern, der nach Holz und Geschichte riecht. Hier lohnt sich ein Stopp – nicht für den Tourismus, sondern für einen Kaffee an der Obermarktstraße, während du die Maschine vor der Kirche parkst und drei andere Biker dasselbe tun.

Weiter geht es über die Umgehungsstraße nach Wallgau und durch das Isartal zurück. Die Strecke am jungen Isarfluss entlang (ebenfalls eine mautpflichtige Privatstraße – auch hier Kleingeld bereithalten) ist einer der schönsten Abschnitte in ganz Oberbayern: kaum Verkehr, Mischwald links und rechts, die Isar türkisgrün neben der Straße. Kein Pass, kein Kick – nur Frieden und perfekter Asphalt.

Über Lenggries und Bad Tölz geht es zurück Richtung München. 250 Kilometer, ein ganzer Tag, wenn du dir Zeit nimmst. Und das solltest du.

Runde 5: Die Allgäu-Schleife über Pfronten – 280 km

Die längste Tour dieser Liste, und die, die am wenigsten nach München schmeckt. Hier bist du nicht mehr im oberbayerischen Postkarten-Modus, sondern im Allgäu – weicher, grüner, mit Straßen, die sich nicht durch Schluchten quälen, sondern über Hügelkämme schwingen.

Die Anfahrt führt über die A96 bis Landsberg am Lech, dann auf Landstraßen Richtung Schongau und Steingaden. Steingaden ist der Ort, an dem die Wieskirche steht – UNESCO-Welterbe, Rokoko, Goldstuck bis unter die Decke. Musst du nicht besichtigen. Aber wenn du mal zwei Minuten hast und die Tür offen steht: reinschauen. Es ist irritierend schön.

Weiter über Lechbruck nach Füssen. Hier wird die Straße enger, das Allgäu zeigt seine Zähne: kurze, steile Anstiege, verdeckte Kuppen, Kurven, die plötzlich enger werden, als der Radius vermuten lässt. Nach Füssen rollst du durch das Vilstal Richtung Pfronten – ein Abschnitt, der zu den wenig befahrenen Perlen der Region gehört. Die Straße folgt dem Fluss, der Asphalt ist gut, der Verkehr überschaubar. An Wochentagen hast du sie quasi für dich. Der Geruch hier ist anders als in Oberbayern – weniger Nadelwald, mehr gemähtes Gras, mehr Kuhstall, mehr Erde. Das Allgäu riecht nach Arbeit und Ruhe gleichzeitig.

Pfronten selbst ist ein Ski-Ort, der im Sommer Wanderer anlockt und Motorradfahrer ignoriert. Das ist in Ordnung. Du bist nicht wegen des Ortes hier, sondern wegen der B309 Richtung Nesselwang und weiter nach Marktoberdorf. Diese Strecke ist Allgäu in Reinform: geschwungene Hügel, Kuhherden, Kirchturmspitzen am Horizont, und eine Straße, die sich an die Landschaft anschmiegt, als wäre sie dort gewachsen.

Zurück nach München über Kaufbeuren und Landsberg. 280 Kilometer, und du kommst mit einer Ruhe nach Hause, die keine der kürzeren Runden liefert. Die Allgäu-Schleife ist keine Strecke für Adrenalin – sie ist eine Strecke für Leute, die verstanden haben, dass Motorradfahren auch ohne enge Kehren etwas mit dem Kopf macht.

Die besten Motorrad-Tagestouren rund um München – was sie verbindet

Keine dieser Touren braucht ein Navi. Eine Tankfüllung reicht für jede einzelne. Und keine davon wird langweilig, auch nicht beim zehnten Mal – weil eine Strecke im April anders ist als im August, bei Wolken anders als bei Sonne, allein anders als zu zweit.

Was du brauchst: einen freien Tag, einen vollen Tank und die Bereitschaft, nicht den schnellsten Weg zu nehmen, sondern den schönsten. München ist eine Stadt, die Motorradfahrer nicht besonders liebt – Tempo 30-Zonen, Dieselverbote, Parkraum-Bewirtschaftung. Aber München ist auch eine Stadt, die dich in 40 Minuten an den Fuß der Alpen bringt. Das ist der Deal. Und er ist gut.

Noch ein Wort zur Saison: Im März und April kann es auf den höheren Abschnitten – Kesselberg, Sudelfeld, Achenpass – noch Restfeuchtigkeit, Rollsplitt oder sogar Schneereste geben. Schattenseiten trocknen zuletzt. Die Reifen sind noch nicht auf Temperatur. Der Asphalt auch nicht. Das ist kein Grund, nicht zu fahren – aber ein Grund, die ersten Kurven mit Respekt zu nehmen.

Fünf Runden, ein Prinzip

Ich habe lange gedacht, die besten Motorradstrecken seien weit weg. Korsika, Sardinien, die Dolomiten. Und ja, die sind großartig. Aber die Wahrheit ist: Manche der besten Stunden auf dem Motorrad verbringst du auf einer Straße, die du schon zwanzig Mal gefahren bist – nur diesmal mit offenerem Visier, weniger Druck und einer Kurve, die du zum ersten Mal wirklich spürst.

München gibt dir fünf davon. Mindestens. Ohne Maut, ohne Fähre, ohne Nachtlager. Nur du, die Maschine und eine Landschaft, die sich nicht anstrengen muss, um spektakulär zu sein.

Fahr los. Nicht morgen. Jetzt.

❓ Häufige Fragen zu Motorrad-Tagestouren ab München

Welche Motorradtour ab München eignet sich für Anfänger?

Die Kesselberg-Runde mit 140 km ist die kürzeste und lässt sich in drei Stunden fahren. Die Straßen sind gut ausgebaut, die Kehren überschaubar. Allerdings ist der Kesselberg selbst kein Anfänger-Terrain – nimm dir dort Zeit und fahre defensiv, besonders bei Gegenverkehr. Beachte außerdem die Motorrad-Sperrung bergauf an Wochenenden und Feiertagen.


Wann ist die beste Jahreszeit für Tagestouren in Oberbayern?

Mai bis Oktober bietet die zuverlässigsten Bedingungen. Im März und April liegen auf höheren Abschnitten wie dem Sudelfeld oder Achenpass noch Restfeuchtigkeit und Rollsplitt. September und Oktober sind ideal: weniger Verkehr, stabile Temperaturen, trockener Asphalt.


Brauche ich für die Tegernsee–Achensee-Tour eine Maut-Vignette?

Nein. In Österreich gilt die Vignettenpflicht nur auf Autobahnen (A) und Schnellstraßen (S). Der Achenpass und die Fahrt zum Achensee verlaufen auf Bundesstraßen (B181) – diese sind komplett maut- und vignettenfrei. Du sparst dir hier also das Geld.


Reicht eine Tankfüllung für alle fünf Touren?

Für jede einzelne Tour – ja. Die längste Runde ist 280 km, und die meisten Motorräder schaffen mit einer Füllung 200 bis 350 km. Tankstellen gibt es entlang aller Routen in regelmäßigen Abständen, besonders in Orten wie Bad Tölz, Garmisch und Füssen.


Gibt es am Kesselberg Geschwindigkeitskontrollen?

Ja, regelmäßig. Zwischen Kochelsee und Walchensee steht häufig die Polizei mit mobilen Messgeräten. Die Strecke ist wegen mehrerer schwerer Unfälle als Kontrollschwerpunkt ausgewiesen. Tempo 60 ist dort nicht nur Vorschrift, sondern überlebenswichtig.


Sind die Routen auch mit dem Sozius fahrbar?

Alle fünf Runden lassen sich zu zweit fahren. Die Allgäu-Schleife ist für den Sozius am angenehmsten – lange, geschwungene Strecken ohne enge Kehren. Der Tatzelwurm und der Kesselberg sind mit Beifahrer anspruchsvoller, aber machbar, wenn der Fahrer Erfahrung hat.


Kann ich die Touren mit einer 125er fahren?

Grundsätzlich ja, aber mit Einschränkungen. Die Autobahn-Zufahrten bei der Allgäu-Schleife entfallen – du brauchst eine alternative Route über Landstraßen. Die Passabschnitte am Sudelfeld und Achenpass sind mit 125 ccm machbar, erfordern aber mehr Geduld, besonders bergauf mit Sozius.

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