
Auf Fotos und in Social-Media-Feeds sieht es spektakulär aus: Das Hinterrad schwebt gut einen Meter über dem Asphalt, der Fahrer balanciert scheinbar mühelos auf dem Vorderrad, der Blick geradeaus, die Haltung entspannt. Ein Stoppie – in der Stunt-Szene auch Endo genannt – ist eine beeindruckende Demonstration davon, was möglich ist, wenn Können, Technik und das richtige Umfeld zusammenkommen.
Das richtige Umfeld: abgesperrtes Gelände, speziell präparierte Motorräder, jahrelanges hartes Training. Was auf Instagram wie eine spontane Eingebung an der Ampel wirkt, ist das Ergebnis von Hunderten, wenn nicht Tausenden kontrollierten Wiederholungen – meist auf Bikes mit massiven Sturzbügeln, modifizierten Bremsen und ohne teure Originalverkleidung, die beim nächsten Sturz teuer wird.
Doch darum geht es hier nicht.
Es geht um den anderen Moment. Den, den niemand plant. Du bist auf deiner Hausstrecke oder im Stadtverkehr unterwegs. Plötzlich biegt ein Auto ohne Blinker aus einer verdeckten Einfahrt, ein Fußgänger tritt zwischen parkenden Transportern hervor, oder der Vordermann bremst ohne erkennbaren Grund ab. Du greifst reflexartig zum vorderen Bremshebel – hart, mit allem, was deine Hand hergibt – und plötzlich merkst du: Das Hinterrad wird leicht. Zu leicht.
Der Ausgang ähnelt optisch dem des Stunt-Stoppies. Das Motorrad steht kurz auf dem Vorderrad. Aber die Voraussetzungen, die Kontrolle und die möglichen Konsequenzen könnten nicht weiter auseinanderliegen.
Jetzt, Ende Februar, mit dem Saisonstart unmittelbar vor der Tür, ist der falsche Zeitpunkt für ungeklärte Fragen in diesem Bereich. Die Reflexe aus dem letzten Herbst sind nach Monaten Pause nicht mehr das, was sie waren. Was passiert physikalisch, wenn dein Hinterrad die Bodenhaftung verliert? Wie reagierst du richtig? Was macht die Elektronik in dieser Zehntelsekunde? Und warum ist der Versuch, das Ganze absichtlich an einer Ampel nachzustellen, nicht nur eine schlechte Idee, sondern ein Fall für den Staatsanwalt?
Schauen wir uns die Anatomie des abhebenden Hinterrads genau an.
Physik lässt sich nicht verhandeln. Das gilt auf der Rennstrecke genauso wie auf der Bundesstraße, und es gilt besonders in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem du alles gibst, um nicht in ein Hindernis zu fahren.
Wenn du scharf auf den vorderen Bremshebel greifst, passiert Folgendes: Die kinetische Energie des Motorrads – dein Gewicht, das Gewicht der Maschine, die aktuelle Geschwindigkeit – will der Trägheit folgend geradeaus weiter. Die Bremse verzögert das Vorderrad, aber nicht die Massenträgheit. Diese Masse verlagert sich schlagartig nach vorne, in Richtung Vorderradachse – Ingenieure nennen das dynamische Radlastverlagerung. Die Telegabel taucht tief ein, und in dem Moment der stärksten Verzögerung können bis zu hundert Prozent des Gesamtgewichts auf dem Vorderrad lasten.
Was passiert hinten? Das Hinterrad verliert schlagartig an Aufstandskraft. Erst verliert es die Traktion, und wenn der Bremsdruck vorne weiter steigt, hebt es vom Asphalt ab. Nicht dramatisch inszeniert, nicht in Zeitlupe. Es passiert einfach.
Wie schnell das geschieht, hängt von der Geometrie deines Motorrads ab. Eine große Reiseenduro profitiert vom längeren Radstand – auch wenn der hohe Schwerpunkt das tiefe Eintauchen der Gabel fördert. Eine interessante Ausnahme bildet hier der BMW-Telelever, der das Bremsnickverhalten mechanisch entkoppelt. Ein kurzes Naked Bike hingegen – eine KTM Super Duke, eine Yamaha MT-09, eine Ducati Streetfighter – reagiert deutlich sensibler. Der kurze Radstand und die vorderradorientierte Sitzposition verstärken die Hebelwirkung erheblich. Auf solchen Maschinen kann das Hinterrad bei einer echten Gefahrenbremsung abheben, bevor du registriert hast, was passiert.
Ein verbreiteter Irrtum: Viele Biker glauben, kalter oder feuchter Asphalt im Frühjahr sei das größte Risiko für einen unfreiwilligen Überschlag. Das Gegenteil ist der Fall.
Um das Heck eines Motorrads in die Luft zu zwingen, braucht das Vorderrad maximalen Grip als festen Drehpunkt. Auf kaltem oder feuchtem Asphalt rutscht das Vorderrad weg oder das ABS regelt den Druck zurück, lange bevor das Heck auch nur daran denkt zu steigen. Die eigentliche Gefahr lauert an sonnigen Tagen auf warmem, griffigem Asphalt – genau dann, wenn der Reifen maximalen mechanischen Grip aufbaut und die Verzögerungswerte ihr absolutes Maximum erreichen. Das ist keine Theorie aus dem Lehrbuch, sondern die Realität jeder echten Vollbremsung unter idealen Bedingungen.
Es gibt Situationen im Straßenverkehr, in denen der Körper schneller reagiert als der Verstand. Eine Gefahrenbremsung ist eine davon. Und genau das ist das Problem.
Der Instinkt, der in diesem Moment übernimmt, sagt: Halte die Bremse. So fest wie möglich. Lass nicht los. Dieser Instinkt ist verständlich – und er kann dich umbringen. Denn wenn das Hinterrad bereits abgehoben hat und du den Druck stur aufrechterhältst, gibt es nur noch einen Ausweg für die kinetische Energie: nach vorne, über die eigene Vorderachse. Der gefürchtete Überschlag. Du fliegst über den Lenker, das Motorrad folgt.
Die richtige Reaktion ist das Gegenteil von dem, was dein Körper will:
Sicherheitshinweis: Diese Reaktionskette funktioniert im Ernstfall nur dann, wenn sie ins Muskelgedächtnis übergegangen ist. Auf öffentlichen Straßen zwischen Leitplanken und Gegenverkehr lässt sich das nicht trainieren.

Die kurze Antwort: Ja, modernes ABS hilft und rettet täglich Leben. Aber es ist nicht unfehlbar, und es kommt darauf an, welche Generation von System in deinem Motorrad verbaut ist.
Klassisches Basis-ABS löst das häufigste Problem bei der Schreckbremsung: das Blockieren des Vorderrades und den damit verbundenen Sturz. Blockiert das Rad, verlierst du augenblicklich die Lenkfähigkeit. Das ABS erkennt den drohenden Stillstand über die Raddrehzahlsensoren, nimmt kurz den Druck weg und baut ihn pulsierend wieder auf.
Die weniger bekannte Einschränkung: Klassisches Basis-ABS schützt nicht automatisch vor dem Überschlag. Auf griffigem Asphalt kann ein moderner Vorderreifen so viel Bremskraft übertragen, dass das Motorrad über das rollende Vorderrad kippt – ohne dass das Rad je blockiert. Das Basis-ABS greift nicht ein, weil sein einziger Messparameter, die Raddrehzahl, völlig unauffällig bleibt. Das Rad dreht sich noch, während das Heck schon steigt.
Hier kommt RLM – Rear Wheel Lift-off Mitigation ins Spiel, manchmal von Herstellern auch Stoppie-Control genannt. Diese Funktion setzt eine IMU (Inertial Measurement Unit) voraus – einen Sechs-Achs-Sensor, der in Echtzeit die Lage des Motorrads im Raum erfasst. Steigt das Heck schnell und steil nach oben, interpretiert das Steuergerät das als drohenden Überschlag und reduziert automatisch den Bremsdruck im vorderen Kreislauf. Das Hinterrad setzt wieder auf, bevor die Situation eskaliert.
Drei wichtige Einschränkungen:
Die goldene Regel: Prüf dein Handbuch. Verlass dich nicht darauf, dass dein Bike das für dich regelt, ohne zu wissen, ob überhaupt eine IMU verbaut ist.
Wir kennen diesen Moment: rote Ampel, Sonne scheint, jemand hält das Smartphone hoch. Der Gedanke entsteht: Wie schwer kann es sein, kurz das Heck lupfen zu lassen?
Die ehrliche Antwort: schwerer als es auf YouTube aussieht, und juristisch heißer, als die meisten ahnen.
Professionelle Stunt-Rider arbeiten nicht mit Serienmaschinen aus dem Showroom. Was in der Praxis passiert, wenn jemand ohne Vorbereitung und mit kalten Reifen einen Stoppie erzwingen will, endet oft beim Orthopäden und in der Werkstatt. Ein überbremstes Vorderrad klappt sofort ein, ein zu hoch gestiegenes Heck kippt seitlich weg.
Das eigentliche Problem liegt auf der juristischen Seite.
Ein absichtlicher Stoppie im öffentlichen Straßenverkehr ist kein Kavaliersdelikt. Bereits ohne Folgen kann er als Ordnungswidrigkeit nach § 1 StVO (Gefährdung und Belästigung anderer) oder § 30 StVO (unnötige Lärm- und Abgasbelästigung) geahndet werden.
Geht das Manöver schief oder müssen andere Verkehrsteilnehmer ausweichen, wird aus dem Bußgeld eine Straftat. Gerichte in Deutschland wenden hier § 315c StGB (Gefährdung des Straßenverkehrs) an. In schwerwiegenden Fällen kann auch § 315d StGB (verbotene Kraftfahrzeugrennen) relevant werden – dieser greift nach der Rechtsprechung einiger Gerichte auch bei Einzelfahrern, wenn der Vorsatz erkennbar ist, waghalsige Beschleunigung oder Verzögerung zu erzielen. Die Konsequenzen: Geldstrafe, Punkte in Flensburg, vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis noch am Tatort. Bei einem verursachten Fremdschaden prüft die Versicherung zudem, ob sie wegen grober Fahrlässigkeit Regress nimmt.
In Österreich und der Schweiz gelten vergleichbare Regelungen. In Österreich sieht das Kraftfahrgesetz (KFG) bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Betriebssicherheit neben Geldstrafen auch den vorübergehenden Entzug des Führerscheins vor. Wer auf Nummer sicher gehen will, recherchiert die aktuell gültigen Bestimmungen direkt beim ÖAMTC oder beim zuständigen Landesgericht.
Und ein letzter Aspekt: Jedes Poser-Video an der Ampel liefert Kritikern Argumente. Es liefert die Bilder, die diejenigen brauchen, die Motorradfahrer pauschal als Risikogruppe brandmarken und Streckensperrungen fordern – und das trifft am Ende alle.
Das Wissen darüber, was bei einer Gefahrenbremsung an der physikalischen Grenze passiert, ist keine Theorie für Forensdiskussionen. Es ist deine Lebensversicherung für die anstehende Saison.
Das Hinterrad, das in einer echten Notsituation abhebt, schickt dir keine Vorwarnung. Es passiert in Bruchteilen von Sekunden. Was dann zählt, ist das Muskelgedächtnis – eine Reaktion, die greift, bevor der Kopf die Situation verarbeitet hat. Genau deshalb ist das Frühjahr der richtige Zeitpunkt, die eigenen Reflexe neu zu kalibrieren.
Sicherheitstrainings beim ADAC (Deutschland), ÖAMTC (Österreich) oder TCS (Schweiz) bieten genau das: abgesperrtes Gelände, warmen Asphalt und Instruktoren, die dir zeigen, wie sich dein Motorrad anfühlt, wenn es hinten leicht wird. Die Kosten für einen solchen Tag liegen weit unter dem, was eine einzige zerkratzte Seitenverkleidung kostet – von Knochenbrüchen ganz zu schweigen.
Selbstversuche auf leeren Supermarkt- oder Industrieparkplätzen sind hingegen keine gute Idee. Erstens handelt es sich dabei meistens rechtlich um öffentlichen Verkehrsraum, womit du dich juristisch sofort wieder in der Grauzone der StVO oder des StGB befindest. Zweitens ist das Risiko eines teuren Überschlags ohne das Feedback und die Anleitung eines professionellen Instruktors schlicht zu hoch.
Der Stoppie bleibt eine beeindruckende Kunstform – auf abgesperrtem Gelände, ausgeführt von Profis, die wissen, was sie tun. Auf der öffentlichen Straße hat er nichts verloren. Fahr in diese Saison mit dem Wissen, das dich schützt.
Warum hebt das Hinterrad beim starken Bremsen überhaupt ab?
Weil sich bei einer harten Gefahrenbremsung die Radlast sehr schnell nach vorne verlagert: Die Front wird stark belastet, das Hinterrad entlastet – und kann bei genug Verzögerung abheben. Faktoren wie hoher Grip, kurze Übersetzung der Körperhaltung (Gewicht zu weit vorne), steife Fahrwerkeinstellung und ein sehr aggressiver Bremsdruckaufbau verstärken den Effekt.
Was ist das Wichtigste, wenn das Hinterrad plötzlich leicht wird?
Ruhe bewahren und den Druck an der Vorderradbremse minimal und kontrolliert reduzieren (nicht „aufmachen“), damit das Hinterrad wieder Bodenkontakt bekommt. Gleichzeitig den Oberkörper leicht nach hinten nehmen, ohne am Lenker zu reißen. Ziel ist: Stabilität zurückholen, nicht einen „perfekten Stoppie“ fahren.
Sollte man bei einem drohenden Stoppie die Vorderbremse komplett loslassen?
Nein. Komplettes Loslassen kann das Motorrad abrupt entlasten und Unruhe ins Fahrwerk bringen. Besser ist eine feine, kurze Druckreduktion, bis das Hinterrad wieder sauber anliegt, und danach wieder kontrolliert verzögern. So bleibt das Bike stabil und die Bremswirkung berechenbar.
Verhindert ABS automatisch, dass das Hinterrad abhebt?
Nicht zwingend. ABS verhindert in erster Linie blockierende Räder, also das Wegrutschen durch Blockieren. Das Abheben des Hinterrads ist ein anderes Problem: Es entsteht durch Radlastverlagerung und starke Verzögerung. Darum haben viele Motorräder zusätzlich Systeme wie RLM (Rear Lift Mitigation), die genau dieses Risiko reduzieren sollen.
Was ist RLM (Rear Lift Mitigation) und was macht eine IMU dabei?
RLM ist eine Funktion, die das Abheben des Hinterrads bei sehr starkem Bremsen verringern kann, indem sie den Bremsdruck vorne situationsabhängig anpasst. Eine IMU (Inertial Measurement Unit) liefert dafür Lage- und Bewegungsdaten (z. B. Nickbewegung), damit die Regelung präziser reagieren kann als mit klassischen Raddrehzahlsensoren allein.
Welche typischen Anzeichen deuten darauf hin, dass das Heck entlastet?
Viele merken es an einem „leichteren“ Heck, einem kurzen Aufstellmoment, weniger Druck auf dem Sitz oder daran, dass das Bike vorne sehr tief eintaucht und „hart“ wirkt. Wer diese Signale früh erkennt, kann den Bremsdruck sauberer dosieren, bevor es zum deutlichen Hinterrad-Abheben kommt.
Kann man eine Gefahrenbremsung sicher üben, ohne sich in Gefahr zu bringen?
Ja – aber sinnvoll und verantwortungsvoll: am besten im Fahrsicherheitstraining oder auf dafür vorgesehenen Übungsflächen. Wenn man selbst übt, dann nur bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten, ohne Verkehr, mit viel Platz und Fokus auf Dosierung statt Rekorde. Ziel ist Routine, nicht maximale Verzögerung um jeden Preis.
Spielen Reifen, Reifendruck und Fahrwerk wirklich eine Rolle beim Stoppie-Risiko?
Ja. Reifen mit sehr gutem Grip, falscher Reifendruck (z. B. zu hoch/zu niedrig je nach Setup) oder ein ungünstig eingestelltes Fahrwerk können das Verhalten beim harten Bremsen deutlich verändern. Auch Beladung, Schwerpunkt (Topcase/Heckgepäck) und Sitzposition wirken mit – deshalb lohnt sich ein sauberer Technik-Check, bevor man „die große Vollbremsung“ ausprobiert.
Ist kalter oder feuchter Asphalt der Hauptgrund für Stoppies?
Nicht direkt. Kälte und Nässe reduzieren oft den Grip und verlängern den Bremsweg – das ist gefährlich, aber eher wegen Rutschrisiko und Distanz. Ein unfreiwilliger Stoppie entsteht häufig eher dort, wo viel Grip vorhanden ist und der Bremsdruck sehr schnell sehr hoch wird. Genau deshalb ist Dosierung so entscheidend.






