
Es gibt kaum ein schlimmeres Gefühl auf dem Motorrad: Du bist seit drei Stunden im Dauerregen auf der Autobahn unterwegs, und plötzlich spürst du dieses eiskalte, kriechende Gefühl im Schritt oder an den Ellbogen. Das Wasser hat einen Weg durch deine sündhaft teure Textilkombi gefunden. „Die Membran ist wohl kaputt“, fluchst du in den Helm.
In den allermeisten Fällen ist die Membran jedoch völlig intakt. Das eigentliche Problem liegt in der mangelnden Pflege des Obermaterials. Gore-Tex, Sympatex und all die anderen Wunder-Membranen können nur dann funktionieren, wenn der äußere Stoff der Jacke kein Wasser aufsaugt. Saugt er sich voll wie ein Schwamm, bricht die Atmungsaktivität zusammen: Der Wasserfilm im Obermaterial lässt keinen Wasserdampf mehr nach draußen. Dicht bleibt die Jacke dabei trotzdem, denn die Nähte sind ab Werk mit Nahtband verschweißt. Was du als Nässe spürst, ist dein eigener Schweiß. Läuft dagegen wirklich Wasser durch eine Naht, ist das Nahtband defekt - und das ist ein Fall für den Hersteller, nicht für die Imprägnierflasche.
Die Lösung? Die regelmäßige und vor allem korrekte Wäsche sowie die anschließende Imprägnierung deiner Motorradbekleidung. Es ist keine Raketenwissenschaft, aber man kann mit den falschen Mitteln auf fatale Weise tausende Euro ruinieren.
⚠️ Sicherheitshinweis: Wenn du deine Motorradbekleidung (insbesondere solche mit Gore-Tex- oder anderen Klimamembranen) wäschst, darfst du unter gar keinen Umständen Weichspüler verwenden! Weichspüler legt sich als wasserliebender Film auf Obermaterial und Futter und zerstört genau die Imprägnierung, die das Wasser abperlen lassen soll. Gore schreibt selbst, dass Weichspüler und Pulverwaschmittel die Atmungsaktivität verringern. Die Jacke bekommt den Schweiß dann kaum noch nach außen und saugt sich bei Regen in Rekordzeit voll. Nebenbei: Nicht jede Membran hat überhaupt Poren, die man zusetzen könnte - Sympatex arbeitet bewusst porenfrei. Ein Fehler, den dir kein Hersteller auf Garantie ersetzt.
Um deine Bekleidung richtig zu pflegen, musst du verstehen, wie das Schichtsystem funktioniert. Moderne Textil-Motorradbekleidung besteht grob aus drei Schichten: 1. Dem robusten, abriebfesten Obermaterial (z.B. Cordura), das dich beim Sturz schützt. 2. Der wasserdichten, aber dampfdurchlässigen Klimamembran darunter. 3. Dem Innenfutter für den Tragekomfort.
Ab Werk ist das abriebfeste Obermaterial mit einer DWR-Imprägnierung (Durable Water Repellent) behandelt. Diese sorgt dafür, dass Regentropfen einfach abperlen. Das Wasser hat keine Chance, in den Stoff einzudringen.
Nach einer langen Motorradsaison passiert jedoch Folgendes: Insektenreste, Straßenstaub, Abgase und Kettenfett legen sich auf das Obermaterial. Dieser Schmutz zerstört die Oberflächenspannung der Imprägnierung. Wenn es jetzt regnet, perlt das Wasser nicht mehr ab, sondern der Stoff saugt sich voll. Das Obermaterial wird schwer, die Membran darunter kühlt drastisch ab und kann den Schweiß von innen nicht mehr nach außen transportieren. Man spricht vom „Wet-Out-Effekt“. Du fühlst dich nass, obwohl die Membran vielleicht noch dicht ist - es ist dein eigener Schweiß, der an der kalten Membran kondensiert.
Bevor du auch nur in die Nähe der Waschmaschine gehst, musst du die Motorradbekleidung vorbereiten. Das ist der wichtigste und zeitaufwendigste Teil.
Tipp für Extrem-Schmutz: Wenn du dicke Insektenkrusten auf der Brust oder den Schultern hast, weiche diese vorher mit einem nassen Lappen für 30 Minuten ein. Danach lassen sie sich mit etwas flüssigem Waschmittel und einer weichen Bürste sanft anlösen.
Jetzt kommt die Jacke oder Hose in die Waschmaschine. Aber bitte einzeln, eine Motorradjacke braucht Platz, um richtig sauber zu werden.
Das wichtigste Gebot lautet: Benutze niemals normales Vollwaschmittel (Pulver)! Pulver enthält Bleichmittel, optische Aufheller und schwer lösliche Enthärter. Deren Rückstände bleiben im Gewebe hängen und senken laut Gore die Atmungsaktivität. Nutze stattdessen spezielles Flüssigwaschmittel für Funktionsbekleidung (gibt es im Outdoor-Laden oder beim Motorrad-Ausstatter) oder notfalls ein mildes Feinwaschmittel (flüssig).
Nach der Wäsche holst du die noch feuchte Jacke aus der Maschine. Jetzt scheiden sich die Geister an der Art der Imprägnierung. Es gibt zwei Varianten: Die Einwasch-Imprägnierung (Wash-in) und das Imprägnierspray.
Hierbei gibst du ein flüssiges Imprägniermittel in die Waschmittelkammer - also dorthin, wo sonst dein Waschmittel landet, nicht ins Weichspülerfach - und wäschst die saubere Jacke noch einmal im Schonwaschgang. Die gängigen Hersteller schreiben dazu eine leere, rückstandsfreie Waschmittelschublade vor.
Die klassische Methode. Du hängst die saubere, noch leicht feuchte Jacke nach draußen oder in einen wirklich gut belüfteten Raum.
Sprühe die Jacke aus etwa 20 Zentimetern Entfernung gleichmäßig ein. Achte besonders auf die „Einschlagzonen“ für den Regen: Schultern, Brust, Oberschenkel und die vorderen Knie. Arbeite das Spray bei Bedarf mit einem sauberen, weichen Tuch leicht in die Fasern ein, bevor es trocknet. Achtung: Imprägnier-Aerosole niemals in geschlossenen Räumen verwenden! Die feinen Tröpfchen können eingeatmet werden und im schlimmsten Fall eine chemische Lungenentzündung (Alveolitis) auslösen. Immer draußen oder bei weit geöffnetem Garagentor arbeiten.
Hier machen die meisten Biker den entscheidenden Fehler. Sie lassen die Jacke trocknen und fahren los. Beim ersten Regen saugt sie sich trotzdem wieder voll. Warum?
Viele DWR-Imprägnierungen - die ab Werk und ein Großteil der Sprays - verbinden sich erst durch Wärme richtig mit der Textilfaser. Ohne diesen Schritt liegt das Mittel eher lose auf dem Gewebe und ist nach ein paar Regenkilometern wieder herunter. Es gibt aber Ausnahmen, und die hängen nicht an Spray oder Wash-in, sondern an der Chemie: Manche PFAS-freien Mittel bauen ihre Wirkung schon beim Lufttrocknen auf. Nikwax etwa gibt das für seine Einwasch- und für seine Sprühprodukte gleichermaßen an. Was für dein Produkt gilt, steht auf der Flasche - und was deine Jacke aushält, steht im Pflegeetikett. Beide zu lesen kostet zwei Minuten.
So aktivierst du die Imprägnierung richtig:
Wenn du mit Leder fährst, kannst du die Waschmaschine vergessen. Leder braucht Fett, um geschmeidig zu bleiben, und Wachs, um wasserabweisend zu werden. Nach der oberflächlichen Reinigung mit einem speziellen Lederreiniger solltest du die Kombi mit hochwertigem Lederbalsam (auf Bienenwachsbasis) einreiben. Das Wachs zieht in die Poren ein und verhindert, dass das Leder Wasser aufsaugt. Sprays auf Silikonbasis funktionieren hier zwar auch, pflegen das Leder aber nicht, was auf Dauer zu Rissbildung führen kann.
Wichtig: Lass das Leder niemals auf der Heizung oder in der prallen Sonne trocknen! Es wird sonst hart wie Pappe und reißt bei einem Sturz sofort auf.
Gute Textilbekleidung von Marken wie Stadler, Klim oder Rukka kostet oft weit über 1.000 Euro. Es ist fahrlässig, diese High-End-Kleidung nicht zu pflegen. Eine vernünftige Wäsche mit anschließendem Imprägnieren und Hitze-Aktivierung dauert vielleicht einen Samstagnachmittag, rettet dir auf der nächsten mehrwöchigen Tour aber im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern.
Wenn du das nächste Mal im strömenden Regen fährst und siehst, wie die Tropfen an deinen Ärmeln einfach als kleine Perlen wegfliegen, wirst du wissen: Die Arbeit hat sich absolut gelohnt.
Wie oft sollte ich meine Motorradjacke imprägnieren?
Die Faustregel lautet: Sobald das Wasser bei einem leichten Schauer nicht mehr vom Obermaterial abperlt, sondern dunkle, nasse Flecken bildet (Wet-Out), ist es Zeit für eine neue Imprägnierung. Bei Vielfahrern ist das meist ein- bis zweimal pro Saison der Fall.
Darf ich Gore-Tex Kleidung überhaupt in der Maschine waschen?
Ja, unbedingt! Rückstände von Körperfett, Pflegelotion und Sonnenschutz setzen sich mit der Zeit im Gewebe fest und schränken Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität ein. Gore gibt für Oberbekleidung 40 Grad im Schonwaschgang vor, dazu wenig Flüssigwaschmittel, zweimal spülen und wenig schleudern - niemals Weichspüler. Viele Motorradhersteller etikettieren ihre Textilteile vorsichtiger mit 30 Grad. Im Zweifel gilt das Etikett in deiner Jacke, nicht die allgemeine Empfehlung.
Was mache ich, wenn sich der Reißverschluss nach dem Waschen verhakt?
Wasserdichte Reißverschlüsse (oft mit einer gummierten Lippe überzogen) können nach der Wäsche schwergängig werden. Reibe die Zähne des Reißverschlusses vorsichtig mit etwas Silikonspray, einem Stück Bienenwachs oder einem Bleistift (Graphit) ein, dann laufen sie wieder weich.
Kann man Motorrad-Lederkombis in der Waschmaschine waschen?
Jein. Es gibt spezielle Leder-Waschmittel für die Waschmaschine, die stark rückfettend wirken. Das Risiko, dass sich das Leder nach dem Trocknen (was Tage dauern kann) verzieht oder aushärtet, ist jedoch hoch. Für teure Lederkombis empfehlen wir die klassische Handwäsche oder die professionelle Lederreinigung.
Wieso rieche ich nach Schweiß, obwohl die Jacke atmungsaktiv ist?
Keine Membran der Welt kann unendlich viel Wasserdampf (Schweiß) abtransportieren. Wenn du unter der Jacke ein Baumwoll-T-Shirt trägst, saugt sich dieses voll wie ein Lappen und gibt die Feuchtigkeit nicht an die Membran weiter. Du benötigst zwingend synthetische Funktionsunterwäsche oder Merinowolle als Baselayer, damit das Prinzip funktioniert.






