Wofür ist der Ausgleichsbehälter am Federbein da?

An manchen Maschinen fällt dir beim Putzen am Federbein ein zweiter, kleinerer Zylinder auf, oben mit einem Rädchen, das zum Drehen einlädt.

Das ist der Ausgleichsbehälter. In ihm arbeiten Öl, ein Gaspolster unter hohem Druck und ein Kolben, der beides trennt. Mal ist der Behälter direkt ans Federbein angebaut, als Piggyback, mal hängt er an einem Schlauch ein Stück daneben. Und manchmal steckt er unsichtbar im Federbein.

Der Behälter gleicht aus, was im Federbein keinen Platz mehr hat, sobald es zusammengedrückt wird. Das Rädchen verstellt oft die Druckstufe, also die Dämpfung beim Einfedern.

Erst zählen, dann drehen

Bevor du am Rädchen auf dem Ausgleichsbehälter irgendetwas veränderst, finde heraus, wo es gerade steht. Dreh es vorsichtig bis zum Anschlag in Richtung hart und zähl dabei die Klicks oder, wo die Anleitung sie vorgibt, die Umdrehungen. Beim schwedischen Fahrwerkshersteller Öhlins und bei KTM ist das im Uhrzeigersinn, für deine Maschine zeigt es die Anleitung.

Dann dreh genauso weit zurück, und alles steht wieder wie vorher. Schreib dir die Zahl auf: Mit ihr findest du von jedem Versuch zurück zum Anfang. Ohne sie ist nach ein paar Ausfahrten mit Probierklicks nicht mehr klar, wo du losgefahren bist.

Diesen Rückweg brauchst du auch für einen Rat aus der Öhlins-Anleitung: Fühlt sich etwas besser an, dreh zurück auf die alte Einstellung und fahr dieselbe Strecke noch einmal. Erst der Vergleich zeigt, ob es besser war oder nur anders.

Die Kolbenstange braucht Platz

Den Grund für den Behälter liefert die Kolbenstange. Ein Federbein dämpft, indem es Öl durch enge Bohrungen und Ventile in einem Kolben presst. Der Kolben sitzt an einer Stange, und die taucht beim Einfedern tiefer in ein Rohr ein, das bis oben mit Öl gefüllt ist.

Da liegt das Problem. Öl lässt sich praktisch nicht zusammendrücken, und die Stange nimmt mit jedem Zentimeter, den sie eintaucht, Platz im Rohr weg. Das Öl, das ihr im Weg ist, muss irgendwohin. Ohne Ausweg könnte das Federbein gar nicht einfedern.

Ein Rechenbeispiel mit runden Zahlen: Eine Kolbenstange von 16 Millimetern Durchmesser verdrängt pro Zentimeter, den sie eintaucht, rund zwei Milliliter Öl. Hat das Federbein sieben Zentimeter Hub, kommen voll eingefedert etwa 14 Milliliter zusammen, knapp ein Esslöffel.

Das klingt nach wenig. Aber ein Teil dieses Esslöffels muss bei jeder Bodenwelle weichen und danach wieder zurück, auf schlechtem Pflaster mehrmals in der Sekunde.

Dafür ist der Ausgleichsbehälter da. Öhlins beschreibt den Weg in der Anleitung zu seinen Federbeinen: Das verdrängte Öl wird über ein eigenes Druckstufenventil in den externen Behälter gedrückt. Dort schiebt es einen Trennkolben zurück, und das Gas dahinter wird ein Stück weiter zusammengepresst.

Beim Ausfedern läuft es andersherum. Der Gasdruck schiebt das Öl über ein Rückschlagventil, das nur in diese Richtung öffnet, zurück ins Federbein, und der Trennkolben wandert mit. Mit jeder Bodenwelle atmet der Behälter ein und aus.

Druck gegen Blasen

Das Gaspolster hat noch eine zweite Aufgabe. Der Stickstoff setzt das Öl unter Druck und verhindert so Kavitation, schreibt Öhlins. Gemeint sind Bläschen, die im Öl entstehen, wenn sein Druck zu tief fällt. Das droht, wenn der Kolben schnell arbeitet, und zwar auf der Seite, von der er sich gerade wegbewegt. Das Gaspolster hebt den Druck im ganzen Federbein so weit an, dass auch dort genug übrig bleibt, und die Dämpfung arbeitet gleichmäßiger.

Öl mit Bläschen lässt sich nicht mehr sauber durch ein Ventil drücken, weil ein Teil davon Gas ist, und Gas gibt nach. Die Dämpfung würde ausgerechnet dann nachlassen, wenn das Hinterrad sie am dringendsten braucht: bei harten, schnellen Schlägen.

Damit Öl und Gas sich nicht mischen, liegt der Trennkolben zwischen ihnen. Es gibt auch Federbeine, in denen beides von vornherein vermischt ist. Solche Emulsionsdämpfer sind bei diesem Hersteller die Ausnahme.

Angebaut, am Schlauch oder ganz innen

Öhlins kennt drei Bauformen mit Trennkolben: den Behälter am Schlauch, den direkt angebauten Behälter, eben den Piggyback, und den Gasraum ganz innen im Dämpferrohr.

Die dritte Variante siehst du von außen nicht. Die Schweden bauen sie etwa in manche Straßenfederbeine ihrer Reihe STX 46 Street ein.

Ein Behälter außen braucht Platz neben dem Federbein, und den gibt es nicht an jedem Motorrad. Dann sitzt er am Ende eines Schlauchs, dort, wo am Rahmen noch Luft ist. Dafür hat der Behälter außen einen Vorteil: Laut Öhlins kühlt er das Öl besser, und Öl und Bauteile halten dadurch länger.

Warm wird ein Federbein, weil Dämpfen Bewegung in Wärme verwandelt. Je mehr das Hinterrad arbeitet, desto heißer wird das Öl, auf Schotter mehr als auf glattem Asphalt. Warmes Öl fließt leichter, und damit wäre die Dämpfung schwächer.

Bei Federbeinen mit außen einstellbarer Zugstufe, also Dämpfung beim Ausfedern, baut Öhlins deshalb einen Temperaturausgleich ein. Er regelt den Durchfluss nach, sobald das Öl dünner wird, damit die Dämpfung möglichst wenig mit der Temperatur wandert.

Das Rädchen am Ausgleichsbehälter

Zurück zum Rädchen, das oben auf manchem Behälter klickt. Das verdrängte Öl muss auf seinem Weg in den Behälter durch ein eigenes Druckstufenventil. Passend dazu sitzt bei Öhlins der Einsteller für die Druckstufe oben auf dem Behälter, je nach Federbein als Drehknopf oder als Schlitzschraube.

Druckstufe am Behälter, Zugstufe am Auge

Die Druckstufe bremst das Einfedern. Sie bestimmt, wie leicht das Federbein nachgibt, wenn das Hinterrad über eine Kante rollt. Die Zugstufe bremst das Ausfedern und bestimmt damit, wie schnell das Federbein danach wieder ausfährt.

Den Einsteller für die Zugstufe findest du bei diesen Federbeinen nicht am Behälter. Er sitzt als Rädchen an der Kolbenstange, direkt über dem unteren Befestigungsauge. Wer zum ersten Mal sucht, dreht leicht am falschen.

Highspeed heißt nicht schnelle Fahrt

An manchen Behältern sitzen zwei Einsteller ineinander, etwa ein Sechskant außen und eine Schlitzschraube in der Mitte. Einer gilt für Highspeed, einer für Lowspeed. Was gemeint ist, übersetzt Yamaha in einer Anleitung der MT-10 gleich selbst: Druckstufendämpfung bei schneller und bei langsamer Einfederung. Es geht um das Tempo, mit dem das Hinterrad einfedert, nicht um das auf der Straße.

Beispiele nennt KTM in der Anleitung der 690 SMC R von 2021: schnell an einer Asphaltkante, langsam bei langen Bodenwellen. Beide Bereiche lassen sich getrennt einstellen, der Übergang zwischen ihnen ist aber fließend.

Warum es überhaupt zwei Bereiche gibt, zeigt ein Blick in das Druckstufenventil. Langsam fließendes Öl nimmt den Weg durch ein feines Nadelventil. Bei schnellen Schlägen reicht das nicht, dann biegen sich dünne Stahlscheiben auf und geben weitere Bohrungen frei.

Auch beim Einstellen unterscheiden sich die beiden. Bei der 690 SMC R und in der MT-10-Anleitung zählst du die schnelle Druckstufe in Umdrehungen, die langsame in Klicks. KTM setzt zu beiden Einstellern denselben Hinweis: Verschraubung nicht lösen.

Zu weich oder zu hart?

In welche Richtung du drehen musst, beschreibt Öhlins nach dem Gefühl im Sattel. Fühlt sich das Heck weich und unruhig an, sackt es tief ein oder schlägt es durch, braucht es mehr Druckstufe. Wirkt es hart und ruppig oder fehlt dir Grip, wenn du das Gas aufziehst, braucht es weniger.

Gedreht wird in Schritten von zwei Klicks, zum Feinabstimmen danach Klick für Klick. Als Spielraum nennt die Anleitung fünf Klicks um die Grundeinstellung, in beide Richtungen. Das Heck wird dabei nie für sich allein abgestimmt, die Gabel gehört dazu. Vorrang haben ein sicheres Gefühl, Stabilität und Komfort.

Das setzt voraus, dass Feder und Vorspannung zu deinem Gewicht passen. Eine zu weiche Feder rettet kein Klick am Ausgleichsbehälter.

Und nicht jede Härte hat ihre Ursache am Behälter. Bremst die Zugstufe zu stark, federt das Heck auf mehreren Wellen hintereinander nicht rechtzeitig aus. Es arbeitet sich Schlag für Schlag tiefer in den Federweg. Dort ist die Feder stärker zusammengedrückt, der restliche Weg wird knapp, und mit jeder Welle wird das Heck härter. Ein Klick weniger Druckstufe trifft dann das falsche Rädchen.

Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Was du besser nicht anfasst

Das Gas im Ausgleichsbehälter ist kein Wartungspunkt für die eigene Garage, und das schreiben die Hersteller ungewöhnlich deutlich.

Sicherheitshinweis: Öffne weder das Federbein noch den Ausgleichsbehälter selbst, und halte keine Flamme oder andere Hitzequelle daran.

Beides steht unter Stickstoff mit hohem Druck. Yamaha warnt in der Anleitung der MT-09, zu hoher Gasdruck könne das Bauteil explodieren lassen, und KTM, dass Teile umhergeschleudert werden, wenn ein Federbein unsachgemäß zerlegt wird.

Wird das Gas heiß, steigt im geschlossenen Zylinder der Druck. Die Hitze kann vom Brenner kommen, mit dem mancher eine festgegammelte Schraube an der Umlenkung lösen will, aber auch von einem Heißluftföhn oder von Schweißarbeiten in der Nähe.

Den Gasdruck änderst du auch nicht selbst. Dafür braucht es spezielle Füllgeräte und Stickstoff. Honda schreibt in der Anleitung der Gold Wing von 2021, das Federbein solle weder zerlegt noch gewartet noch unsachgemäß entsorgt werden. In all diesen Fällen führt der Weg zum Händler oder zu einer Fachwerkstatt für Fahrwerke.

Auch für die Entsorgung nennt Öhlins einen Weg: Ein ausgedientes Federbein geht an eine autorisierte Werkstatt oder an den Vertrieb der Marke. In die Schrottkiste gehört ein Dämpfer mit Gasfüllung nicht.

Der Behälter selbst verträgt keine Schläge. Schon eine Beule kann den Trennkolben innen am Gleiten hindern.

Beim Waschen gehört kein Wasserstrahl direkt in die Einsteller, ob am Ausgleichsbehälter oder unten an der Kolbenstange, und auch nicht in die Gelenke des Federbeins. Für den Hochdruckreiniger gilt das erst recht.

Service nach Kilometern und Jahren

Für Straßenfahrer nennt Öhlins ein Serviceintervall für seine Federbeine: alle 30.000 Kilometer oder alle drei Jahre, im Rennbetrieb alle 20 Betriebsstunden. Für das Serienfederbein deiner Maschine gilt das nicht automatisch, dort zählt ihr Wartungsplan.

Dazwischen hilft deine eigene Kontrolle. Zuerst ist die Kolbenstange dran: Ist sie ölig oder beschädigt? Danach folgen Dämpferrohr und Behälter, die Gummiteile, das Spiel in den Gelenken und die Befestigungspunkte am Motorrad.

Sicherheitshinweis: Tritt am Federbein oder am Ausgleichsbehälter Öl aus, fahr erst weiter, wenn eine Fachwerkstatt es geprüft hat. Hörst du unterwegs ungewohnte Geräusche vom Heck oder arbeitet die Federung plötzlich anders, fahr rechts ran, sobald du gefahrlos halten kannst, und lass das Federbein ebenfalls prüfen.

Öl, das außen steht, fehlt innen. Mit zu wenig Öl dämpft das Federbein schlechter, das Hinterrad kann über Unebenheiten springen und in einer Kurve kurz den Bodenkontakt verlieren.

Öl und Dichtungen altern mit jedem Hub, und hineinschauen kannst du nicht. Deshalb zählt das Intervall auch dann, wenn sich das Heck noch gut anfühlt.

❓ Häufige Fragen zum Ausgleichsbehälter am Federbein

Was ist der Ausgleichsbehälter am Federbein?

Ein zweiter, kleinerer Zylinder am oder neben dem Federbein. In ihm stecken Dämpferöl, Stickstoff unter hohem Druck und ein Trennkolben dazwischen. Er nimmt das Öl auf, das die eintauchende Kolbenstange verdrängt, und schiebt es beim Ausfedern zurück. Bei manchen Federbeinen steckt er unsichtbar im Dämpferrohr.


Ist ein Federbein mit Ausgleichsbehälter besser?

Nicht automatisch. Ein Behälter außen kühlt das Öl laut Öhlins besser und bietet Platz für Einsteller. Dafür braucht er selbst Platz am Motorrad, den nicht jede Konstruktion hat. Wie gut das Heck am Ende arbeitet, entscheiden Abstimmung, Feder und Zustand des Dämpfers mit.


Welcher Einsteller sitzt am Ausgleichsbehälter?

Oft der für die Druckstufe, also die Dämpfung beim Einfedern, manchmal getrennt für Highspeed und Lowspeed. Die beiden Wörter beschreiben, wie schnell das Rad einfedert, und haben mit dem Tempo auf der Straße nichts zu tun. Der Einsteller für die Zugstufe, also die Dämpfung beim Ausfedern, sitzt bei Öhlins unten an der Kolbenstange.


Kann ich den Stickstoff im Federbein selbst nachfüllen?

Nein. Dafür braucht es spezielle Füllgeräte. Yamaha, KTM und Honda warnen in ihren Anleitungen davor, das Federbein selbst zu öffnen oder zu zerlegen, weil es unter hohem Druck steht. Gasdruck und Füllung gehören in eine Fachwerkstatt für Fahrwerke.


Wie oft braucht ein Federbein mit Ausgleichsbehälter einen Service?

Öhlins nennt für seine Federbeine im Straßenbetrieb alle 30.000 Kilometer oder alle drei Jahre. Bei einem Serienfederbein gilt, was im Wartungsplan des Motorrads steht. Tritt Öl aus oder arbeitet das Heck plötzlich anders, ist der Termin sofort fällig.

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