Im Sattel hörst du nicht nur den Auspuff: Das Ansauggeräusch spielt mit

Das Ortsschild ist gerade vorbei, zweiter Gang. Du ziehst das Gas auf, und zwischen deinen Knien fängt es an zu fauchen, heiser und hohl, und je höher die Drehzahl steigt, desto heller wird es. Dein Auspuff endet unter oder hinter dir, sein Endrohr zeigt von dir weg. Was da vorn so klingt, ist zu einem guten Teil die Luft, die dein Motor gerade einatmet.

Das Ansauggeräusch gehört zum Klang eines Motorrads wie der Auspuff. Im Leerlauf hörst du wenig davon, unter Last umso mehr. Und bei den aktuellen Modellen der Yamaha MT-10 und MT-09 ist es kein Zufall, wie viel davon bei dir ankommt. Yamaha führt den Ton dort über Gitter am Tank nach oben, in die Nähe deines Helms.

Der Motor atmet in Stößen

Ein Viertakter saugt nicht gleichmäßig an wie ein Staubsauger. Jeder Zylinder holt sich seine Luft in einem kurzen Zug, dann schließt das Einlassventil, und die Luft, die eben noch strömte, staut sich davor. So gerät die Luftsäule im Ansaugtrakt ins Schwingen, im Rhythmus der Ansaugtakte.

Beim Dreizylinder der MT-09 geschieht das bei 6.000 Umdrehungen 150-mal in der Sekunde. Jeder Zylinder saugt einmal in zwei Umdrehungen an, drei Zylinder schaffen also anderthalb Züge pro Umdrehung, und 6.000 in der Minute sind 100 in der Sekunde. Aus einem so schnellen, gleichmäßigen Pochen macht dein Ohr einen Ton, und mit der Drehzahl steigt er.

Wie dieser Ton klingt, hängt auch von der Zahl der Zylinder und ihrem Takt ab. Bei 6.000 Umdrehungen saugt ein Einzylinder 50-mal pro Sekunde an, ein Zweizylinder 100-mal, ein Vierzylinder 200-mal. Gleichmäßig verteilt sind die Ansaugtakte dabei nicht überall. Der Crossplane-Vierzylinder der MT-10 zündet in Abständen von 270, 180, 90 und 180 Grad, und im selben unregelmäßigen Rhythmus holen seine Zylinder Luft.

Die Schwingungen laufen durch den Ansaugtrakt zurück in den Luftfilterkasten und weiter zu der Öffnung, durch die der Motor seine Luft holt. Dort treten sie als Ansauggeräusch ins Freie, so wie das Auspuffgeräusch am Endrohr. In der Motorakustik heißt beides Mündungsgeräusch.

Der Luftfilterkasten dämpft das stoßweise Ansaugen mit seinem Volumen, und seine Öffnungen entscheiden mit, wie frei der Motor atmet und wie viel Ton nach draußen dringt. Wo er sitzt, ist je nach Bauart verschieden: unter dem Tank, unter der Sitzbank oder hinter einer Seitenverkleidung.

Unten der Auspuff, oben der Ansaug

Wann welcher Teil den Ton angibt, hat Yamaha für die MT-10 des Modelljahrs 2022 beschrieben. Bei niedrigen Drehzahlen dominiert der Auspuff, abgestimmt auf einen tiefen Klang, der die ungleichmäßige Zündfolge des Crossplane-Vierzylinders betont. Ab mittleren Drehzahlen übernimmt das Ansauggeräusch, und zusammen sollen beide eine Klangwand ergeben, die das Beschleunigen begleitet.

Dafür bekam die Maschine einen neuen Luftfilterkasten mit drei Ansaugkanälen, die sich in Länge und Querschnitt unterscheiden. Jeder erzeugt seinen eigenen Ton, und zusammen sollen sie bei unterschiedlichen Drehzahlen harmonisch klingen. Gezielt abgestimmt ist das Röhren auf den Bereich zwischen 4.000 und 8.000 Umdrehungen, wo es das Gefühl für das Drehmoment verstärken soll: beim kräftigen Beschleunigen und am Kurvenausgang.

Neben der Drehzahl zählt, wie weit das Gas offen ist. Erst unter Last ist das Ansauggeräusch richtig zu hören, und das gilt für jeden Motor mit Drosselklappen. Im Leerlauf und beim sanften Rollen sind sie fast geschlossen, der Motor zieht wenig Luft, und im Ansaugtrakt tut sich wenig. Ziehst du unter Last am Gas, öffnen sie weit, der Motor holt deutlich mehr Luft, und die Stöße werden kräftig.

Deshalb klingt dieselbe Drehzahl je nach Gasstellung verschieden. Rollst du mit 5.000 Umdrehungen ohne viel Gas dahin, bleibt es ein Summen. Ziehst du bei derselben Drehzahl kräftig am Griff, wird daraus ein Fauchen, obwohl die Tonhöhe im ersten Moment gleich bleibt. Die Drehzahl bestimmt, wie hoch der Ton ist, die Last, wie viel Wucht er hat.

Lautsprecher ohne Strom

Damit vom Röhren des Ansaugtrakts möglichst viel bei dir ankommt, bekam die MT-10 mit dem Modelljahr 2022 zwei Gitter, vorn links und rechts am Tank. Yamaha nennt sie Acoustic Amplifier Grilles, sinngemäß akustische Verstärkergitter. Laut Yamaha leiten sie das Ansauggeräusch direkt zu dir und schwingen selbst mit, wenn du Gas gibst.

Entwickelt hatte der Hersteller diese Abstimmung vorher an der MT-09. Schon bei deren Neuauflage 2021 sollte das Röhren gezielt bei den Ohren des Fahrers ankommen, über einen Luftfilterkasten mit drei unterschiedlich langen und weiten Kanälen. Gitter bekam die MT-09 erst zum Modelljahr 2024, oben auf dem Tank, dazu zwei neu gestaltete Ansaugkanäle, die hohe Frequenzen betonen.

Nach Werksangabe kommt das vor allem bei höherem Tempo und hohen Drehzahlen zur Geltung. Gerade dort braucht der Ton Hilfe, denn je schneller du fährst, desto lauter rauscht unter dem Helm der Fahrtwind. Den tiefen Ton bei niedrigem Tempo liefert laut Yamaha der Endtopf.

Yamaha nennt die Idee dahinter Jin-Ki Kanno: Die Maschine soll die Sinne des Fahrers ansprechen, bis Mensch und Motorrad sich wie eins anfühlen. Das klingt zunächst nach reinem Gefühl.

Das Ansauggeräusch hat eine Aufgabe

Warum der ganze Aufwand? Yamahas europäische Patentanmeldung, veröffentlicht im Mai 2024, nennt zwei Gründe: Freude und Information. Freude, weil ein Ansauggeräusch, das nach Sprint klingt, die Fahrt schöner macht. Information, weil sich der Ton mit dem Zustand des Motors ändert: Wer zuhört, erkennt, wie der Motor gerade arbeitet, und kann Gas und Lenker danach bedienen.

Schaltest du nach dem Drehzahlmesser oder nach dem Gehör? Wenn du deine Maschine schon länger fährst, kennst du ihre Stimme, und unter Last gehört das Ansauggeräusch dazu. Es meldet dir ohne den Umweg über ein Display, was der Motor gerade tut.

Lauter um jeden Preis ist dabei nicht das Ziel. Auf seiner Seite zur Geschichte der MT-Reihe stellt Yamaha selbst die Frage, wie sich dem Fahrer ein angenehmer Klang bieten lässt, während weniger Lärm in die Umgebung dringt. In einer anderen Patentanmeldung, veröffentlicht 2025, zählt Yamaha ein sehr lautes Ansauggeräusch zum Lärm, den es so weit wie möglich zu verringern gilt. Es geht also um Klangfarbe und um die Frage, welcher Teil des Tons bei dir ankommt.

Warum kein Loch direkt nach oben?

Am einfachsten wäre es, den Luftfilterkasten nach oben zu öffnen, direkt vor dir. In seiner Patentanmeldung von 2024 beschreibt Yamaha das Dilemma selbst. Damit du das Ansauggeräusch gut hörst, sollte die Öffnung nah an deinem Kopf liegen und nach oben zeigen. Dann aber fällt leicht Regen hinein.

Wasser hat im Luftfilter nichts zu suchen. In der MT-09 von 2024 sitzt laut Anleitung ein ölbeschichtetes Papierelement, und es muss häufiger ersetzt werden, wenn die Maschine in ungewöhnlich feuchter Umgebung fährt. Honda wird in mehreren Anleitungen noch deutlicher: Wasser im Luftfilter kann verhindern, dass der Motor anspringt.

Die Anmeldung löst das mit einem Umweg und trennt dafür Luft und Schall. Seine Luft holt sich der Motor dort durch Spalten zwischen den Bauteilen und zwischen den beiden oberen Rahmenholmen. Die Löcher in der Kunststoffabdeckung über dem Tank sind für den Schall da, und der läuft von der Ansaugöffnung im Zickzack um das hintere Ende des Tanks herum nach oben.

Schall breitet sich auch um Ecken aus, so wie du einen Freund hinter der Hausecke rufen hörst, ohne ihn zu sehen. Regentropfen dagegen folgen der Schwerkraft: Sie landen auf dem Blech des Tanks, laufen über die gewölbte Oberseite zum Rand und dort nach hinten ab, abseits der Ansaugöffnung.

Was trotzdem hinten vom Tank tropft, fangen zwei schmale Schutzteile über der Öffnung auf. Und weil deine Knie und Oberschenkel am Tank liegen, verteilt die Anmeldung mehrere Löcher über die Abdeckung. Deckt dein Bein eines zu, kommt der Ton durch die anderen heraus. Sogar die Länge des Schallwegs lässt sich laut Anmeldung über Form und Lage des Tanks abstimmen.

Ob die MT-09 im Detail genau so gebaut ist, sagt die Anmeldung nicht, sie beschreibt ein Motorrad als Beispiel. Auf einen Hersteller beschränkt ist die Idee ohnehin nicht. Honda zeigt in einer japanischen Patentanmeldung von 2019 eine Öffnung in der Seitenverkleidung unter der Sitzbank, damit der Fahrer das Ansauggeräusch hört.

Ob mit Umweg oder ohne: Beim Waschen gehört der Wasserstrahl weder auf den Luftfilter noch auf die Öffnungen, die zu ihm führen. An einer MT-09 ab Modelljahr 2024 heißt das: nicht in die Gitter zielen, denn die sind für das Ansauggeräusch gebaut und nicht für den Gartenschlauch. Hochdruck- und Dampfstrahlreiniger schließt die Anleitung der MT-09 ohnehin aus, weil zu viel Druck Wasser in Radlager, Bremsen, Getriebedichtungen und Elektrik treiben kann.

Was du im Alltag davon merkst

Am deutlichsten hörst du das Ansauggeräusch, wenn der Motor kräftig arbeitet und der Fahrtwind noch leise ist: beim Beschleunigen aus dem Ort heraus, am Berg, in den unteren Gängen.

Wer am Straßenrand steht, hört eine andere Mischung aus Ansauggeräusch und Auspuff als du. Für ihn liegen Endrohr und Luftfilterkasten fast gleich weit weg. Bei dir sitzt die Öffnung des Ansaugtrakts nur etwa eine Armlänge vom Helm entfernt, das Endrohr deutlich weiter. Tiefe Töne lassen sich kaum bündeln, sie breiten sich fast gleichmäßig in alle Richtungen aus. Was zählt, ist vor allem die Nähe. Urteilst du im Sattel über den Klang deiner Maschine, urteilst du also nur zum Teil über den Auspuff.

Ein Konzert für eine Person

Kurvenausgang, die Maschine richtet sich auf, du ziehst am Gas. Vor dir, fast unter deinem Kinn, holt der Motor Luft.

Bei der MT-10 und der MT-09 haben Ingenieure Kanäle abgestimmt und Gitter geformt, damit dieser Teil des Klangs vor allem bei einer Person ankommt: bei der, die ihn mit der rechten Hand selbst macht.

❓ Häufige Fragen zum Ansauggeräusch

Warum klingt ein Motorrad beim Beschleunigen anders als im Leerlauf?

Im Leerlauf stehen die Drosselklappen fast zu, und der Motor braucht wenig Luft. Beim Beschleunigen gehen sie weit auf, es strömt viel mehr Luft, und das Ansauggeräusch wird kräftig. Laut Yamaha gibt bei der MT-10 unten der Auspuff den Ton an, ab der Drehzahlmitte übernimmt das Ansauggeräusch.


Was ist das Ansauggeräusch beim Motorrad?

Das Ansauggeräusch entsteht, wenn der Motor seine Luft holt. Weil jeder Zylinder stoßweise ansaugt, schwingt die Luft im Ansaugtrakt, und an der Öffnung des Luftfilterkastens wird daraus ein hörbarer Ton. Unter Last ist er am kräftigsten, im Leerlauf deutlich leiser.


Was sind die Acoustic Amplifier Grilles bei Yamaha?

Acoustic Amplifier Grilles nennt Yamaha Gitter am Tank, durch die das Ansauggeräusch gezielt zum Fahrer gelangen soll. Die MT-10 trägt sie seit dem Modelljahr 2022, je eines vorn links und rechts, die MT-09 seit dem Modelljahr 2024 oben auf dem Tank. Einen Lautsprecher gibt es dabei nicht: Der Ton kommt aus dem Ansaugtrakt selbst.


Kann durch die Gitter Regen in den Luftfilter laufen?

Yamaha beschreibt in einer 2024 veröffentlichten Patentanmeldung, wie Regen von der Ansaugöffnung ferngehalten wird. Tropfen fallen dort auf das Tankblech und fließen seitlich und nach hinten ab, der Schall erreicht die Löcher in der Abdeckung auf einem Umweg. Ob die MT-09 dieselbe Lösung nutzt, lässt die Anmeldung offen. Beim Waschen richtest du den Strahl trotzdem nicht in die Gitter.


Wozu braucht ein Motorrad einen Luftfilterkasten?

Der Luftfilterkasten trägt den Luftfilter und sammelt die Luft, bevor sie zum Motor strömt. Sein Volumen glättet zudem das stoßweise Ansaugen. Über Größe und Form der Öffnungen legt der Hersteller fest, wie frei der Motor atmet und wie viel davon zu hören ist, bei der MT-10 etwa mit drei unterschiedlich langen Kanälen.


Hören Leute am Straßenrand das Ansauggeräusch auch?

Ja, nur in einer anderen Mischung. Zuschauer stehen in einem anderen Winkel und Abstand zu Endrohr und Luftfilterkasten als du, und die Gitter von MT-10 und MT-09 sitzen nah am Fahrer. Wie viel mehr Ansauggeräusch dadurch im Sattel ankommt als draußen, hat Yamaha nicht in Zahlen veröffentlicht.


Wie oft saugt ein Motorradmotor pro Sekunde an?

Ein Viertaktzylinder saugt einmal alle zwei Kurbelwellenumdrehungen an. Bei 6.000 Umdrehungen pro Minute kommt ein Dreizylinder damit auf 150 Ansaugtakte pro Sekunde, ein Vierzylinder auf 200. Diese schnelle Folge von Druckstößen nimmt das Ohr als Ton wahr, der mit der Drehzahl höher wird.

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