Die Kältetabelle fürs Motorrad zeigt, wie kalt sich der Fahrtwind bei 0 bis 10 Grad anfühlt

Sieben Grad zeigt das Thermometer neben dem Garagentor, der Himmel ist grau. Für sieben Grad reicht die Herbstjacke, denkst du, und der Halswärmer bleibt am Haken. Zwanzig Minuten später rollst du mit Tempo 100 über die Bundesstraße, und durch den Spalt zwischen Helm und Kragen zieht es kalt herein. Nach der Windchill-Formel, mit der Wetterdienste rechnen, fühlt sich diese Luft bei diesem Tempo an wie null Grad.

Die Kältetabelle unten rechnet das für 0 bis 10 Grad und vier Geschwindigkeiten durch, von der Ortsdurchfahrt bis zur Autobahn. Die meiste Kälte holst du dir dabei schon bis Tempo 50.

Die Kältetabelle für Landstraße und Autobahn

Links steht die Lufttemperatur, wie sie ein Thermometer im Schatten misst. Oben steht dein Tempo in km/h, grob für Ortsdurchfahrt, kurvige Landstraße, Bundesstraße und Autobahn. In den Feldern steht, wie kalt sich die Luft bei diesem Tempo auf freier Haut anfühlt.

Luft in °Cbei 50bei 80bei 100bei 130
105443
7100-1
5-1-3-3-4
3-4-6-6-7
0-8-10-11-12

Fünf Grad bei Tempo 100 fühlen sich an wie minus 3, null Grad auf der Autobahn wie minus 12. Ab der Zeile für 5 Grad abwärts liegt jeder Wert unter null.

Auffällig ist, wie früh die Kälte kommt. Bei 5 Grad und Schritttempo fühlt sich die Luft noch an wie 4 Grad, mit Tempo 30 durch die Stadt schon wie null. Vom Schritttempo bis Tempo 50 fällt der Wert um gut fünf Grad, von 50 auf 100 nur noch um zwei, von 100 auf 130 um knapp eins.

Die Formel rechnet mit dem Wärmewiderstand der Haut: Ist die Oberfläche einmal ausgekühlt, holt stärkerer Wind nur wenig zusätzliche Wärme heraus. Schon auf der Landstraße hast du also fast die ganze Kälte der Autobahn.

In welcher Zeile du im Herbst landest, zeigt das Klima. Im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 lag die Temperatur an der DWD-Station München-Stadt im Oktober bei 10 Grad und im November bei 5. In Augsburg, Regensburg und am Münchner Flughafen war es jeweils rund ein Grad kälter. Das ist der Schnitt über Tag und Nacht. Die Tagestiefstwerte lagen im Oktober im Mittel bei 6,5 Grad in München-Stadt und 4,6 in Augsburg. Ein Oktobermorgen liegt damit oft in der Zeile für 5 oder 7 Grad.

Für welche Haut die Zahlen gelten

Die Formel stammt aus der Wettervorhersage. Der US-Wetterdienst hat sie zum Winter 2001/2002 zusammen mit dem kanadischen Wetterdienst eingeführt und beschreibt sie als Modell für ein menschliches Gesicht, ohne Sonne. Die Beispiele des Deutschen Wetterdienstes ergeben dieselben Werte: Null Grad bei 25 km/h Wind fühlen sich dort an wie minus 6.

Am Motorrad betrifft das alles, was der Fahrtwind direkt erreicht. Das ist das Gesicht bei offenem Visier oder unter einem Jethelm, der Hals im Spalt zwischen Helm und Kragen und das Handgelenk, wenn zwischen Ärmel und Handschuh ein Streifen Haut frei liegt. Öffnest du das Visier gegen Beschlag einen Spalt, kommt der Fahrtwind an Stirn und Augen. Mit einer Antibeschlag-Innenscheibe kann das Visier zubleiben. Hinter geschlossenem Visier, Jacke und Handschuh hängt alles an dem, was du anhast.

Nasse Haut kühlt stärker aus, als die Tabelle zeigt, denn das Wasser verdunstet im Fahrtwind und entzieht der Haut dabei zusätzlich Wärme. Auf trockene Haut hat die Luftfeuchte bei Kälte laut DWD keinen Einfluss mehr, auf Haut, die Regen oder Schnee benetzt hat, dagegen schon.

Gefühlt in der App, gefühlt auf dem Motorrad

Viele Wetter-Apps zeigen neben der Temperatur einen zweiten Wert: die gefühlte Temperatur. Der Deutsche Wetterdienst rechnet sie mit einem Modellmenschen, dem Klima-Michel: 35 Jahre alt, 1,75 Meter groß, 75 Kilo schwer. In diesen Wert gehen Lufttemperatur, Feuchte, Wind, Sonne und Kleidung ein. Gemessen und gefühlt sind nach DWD nur dann gleich, wenn jemand passend angezogen langsam im Schatten geht, bei mittlerer Feuchte und höchstens leichtem Wind.

Der Wind darin ist der Wind am Ort, also das, was einem Fußgänger um die Nase weht. Dein Tempo kennt die App nicht. Beim Spaziergang spürst du diesen Wind deutlich: Bei 5 Grad macht ein Wind von 20 km/h nach der Windchill-Formel aus gefühlten 4 Grad gefühlte 1.

Auf dem Motorrad bringst du den Wind selbst mit, und der Wind am Ort ändert daran wenig. Bei 5 Grad stehen Tempo 80 und Tempo 100 in der Tabelle beide bei minus 3. Ein Gegenwind von 20 km/h, der aus deinen 80 rechnerisch 100 macht, kostet dich also kaum ein Grad. Für die Kältetabelle zählt der Tacho, nicht die Windangabe der App.

Wo die Rechnung aufhört

Gedacht ist die Formel für den Wind, den eine Wetterstation misst, nicht für Fahrtwind. Der US-Wetterdienst gibt sie nur für Lufttemperaturen bis 10 Grad an, deshalb endet die Tabelle dort. Ein Rechner desselben Dienstes nennt Wind bis 60 Meilen pro Stunde, knapp 100 km/h. Die Spalte für Tempo 130 geht also über diesen Bereich hinaus, die für Tempo 100 liegt an seinem Rand.

Die Stationen messen den Wind in zehn Metern Höhe, und die Formel rechnet ihn auf Gesichtshöhe herunter, wo er schwächer weht. Auf einer Maschine ohne Scheibe trifft der Fahrtwind dein Gesicht dagegen fast ungebremst, dann fühlt es sich eher kälter an als in der Tabelle. Hinter einer großen Tourenscheibe kommt weniger Wind an, dort fühlt es sich eher wärmer an.

Sonne verschiebt alles nach oben. Die Formel rechnet mit Schatten, und helle Sonne kann den Wert laut US-Wetterdienst um etwa 6 bis 10 Grad anheben.

Und die Rechnung gilt nur für Haut. Wind kühlt Gegenstände laut US-Wetterdienst nicht unter die Lufttemperatur, auch Motorrad und Reifen nicht. Gefühlte minus 3 auf der Haut sagen nichts über den Asphalt. Erfrierungen drohen bei Plusgraden nach denselben Angaben nicht.

Unterkühlen kannst du dich trotzdem. Der US-Wetterdienst hält das schon bei gut 15 Grad für möglich, wenn du lange draußen und nicht passend angezogen bist. Fühlst du dich im Sattel kalt und träge, halt an und geh ins Warme. Kannst du nicht mehr klar denken, brauchst du nach Angaben des Wetterdienstes sofort ärztliche Hilfe.

Die Zeile für den Heimweg

Das Thermometer zeigt dir nur die Zeile. Welche Spalte gilt, entscheidet dein Tempo. Lies vor dem Losfahren in deiner Zeile den Wert für die Straße ab, auf der du am längsten unterwegs bist.

Ein Oktobertag wandert leicht durch die halbe Tabelle. Um acht stehen vielleicht 5 Grad am Thermometer, auf der Bundesstraße sind das gefühlte minus 3. Mittags ist es wärmer, und in der Sonne fühlt sich dieselbe Strecke noch einmal milder an. Nach Sonnenuntergang fällt die Temperatur, und der Zuschlag der Sonne fehlt. Fährst du mittags los und abends heim, brauchst du die Kältetabelle oft erst für den Rückweg.

Glätte beginnt über dem Gefrierpunkt

Ob die Straße glatt ist, sagt die Tabelle nicht. Der Wetterdienst misst die Luft in zwei Metern Höhe, und darunter kann es frieren, während das Thermometer noch Plusgrade zeigt: Bodenfrost ist laut DWD schon bei gemessenen 3 bis 5 Grad möglich.

Als besonders tückisch beschreibt der DWD die Eisglätte. Dabei gefrieren Schmelzwasser oder Pfützen auf der Straße, und unmittelbar davor muss kein Niederschlag fallen. Reifglätte entsteht, wenn der Verkehr Reif festdrückt, der sich auf Straßen und Brücken gebildet hat oder von Bäumen auf die Fahrbahn gefallen ist.

Auch die Tage mit Frost hat der DWD gezählt. In Augsburg, Nürnberg und am Münchner Flughafen gab es im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 rund vier Frosttage im Oktober und 9 bis 13 im November. Frosttag heißt: Die Luft fällt an diesem Tag mindestens einmal unter null.

Die Eiswarnung im Cockpit meldet sich schon bei Plusgraden. An der R 1300 GS von BMW und ihrer Vorgängerin R 1250 GS erscheint sie bei etwa 3 Grad, an der 890 Adventure von KTM aus dem Modelljahr 2023 bei 4 Grad. Steht die Maschine, kann laut BMW die Motorwärme die Messung verfälschen. An der Ampel zeigt das Display dann eher zu viel.

Sicherheitshinweis: Rechne bei wenigen Grad über null mit glatten Stellen, vor allem auf Brücken, unter Bäumen und im Schatten, auch wenn die Straße sonst trocken aussieht. In den Anleitungen beider Modelle warnt BMW, Glatteis sei auch über 3 Grad möglich.

Ist die Fahrbahn glatt, bleibt das Motorrad stehen. Die Kältetabelle hilft dir beim Anziehen, über die Fahrt entscheidet die Straße.

❓ Häufige Fragen zur Kältetabelle fürs Motorrad

Kann ich bei 5 Grad Motorrad fahren?

Ob du bei 5 Grad Motorrad fahren kannst, entscheiden Straße und Ausrüstung. Der DWD hält Bodenfrost schon bei 3 bis 5 Grad für möglich, glatt wird es dann oft zuerst auf Brücken und unter Bäumen. Bei offenem Visier fühlen sich 5 Grad mit Tempo 100 im Gesicht an wie minus 3.


Gilt die Kältetabelle auch mit geschlossenem Visier?

Die Kältetabelle gilt nur für Haut, die der Wind ungeschützt trifft, etwa das Gesicht unter offenem Visier, den Hals unter dem Helmrand oder ein freies Handgelenk. Hinter Visier, Jacke und Handschuh bestimmt die Ausrüstung, wie viel von der Kälte ankommt.


Warum ist Tempo 130 kaum kälter als Tempo 100?

Bei Tempo 130 fühlt sich die Luft kaum kälter an als bei Tempo 100, weil die Abkühlung in der Windchill-Formel mit jedem zusätzlichen km/h langsamer zunimmt. Bei 5 Grad kostet der Weg vom Schritttempo zu Tempo 50 gut fünf Grad, der von 100 auf 130 nur knapp eins. Für 130 km/h ist die Formel zudem nur weitergerechnet, ihr Bereich endet knapp unter 100 km/h.


Wie viel wärmer fühlt es sich in der Sonne an?

Helle Sonne kann den Windchill nach Angaben des US-Wetterdienstes um etwa 6 bis 10 Grad anheben. Die Kältetabelle geht von Schatten aus, an einem sonnigen Mittag liegen die gefühlten Werte also klar höher. Am frühen Morgen und nach Sonnenuntergang fehlt dieser Zuschlag.


Warum zeigt das Motorrad im Stand mehr Grad an?

Am stehenden Motorrad kann die Wärme des Motors die gemessene Außentemperatur verfälschen. So schreibt es BMW für die GS-Modelle R 1250 und R 1300. Wird der Einfluss der Motorwärme zu groß, zeigen die beiden GS vorübergehend Striche statt einer Zahl. Im Fahrtwind stimmt die Anzeige wieder besser.

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