
Sonntag, kurz vor sieben. Du schiebst das Motorrad bis zur nächsten Ecke, damit der Motor nicht die Nachbarn weckt, und startest erst dort. Niemand wartet an der Tankstelle, und wie lange die erste Pause dauert, bestimmst nur du.
Über das Alleinfahren gibt es zwei Meinungen. Für die einen ist es Freiheit, für die anderen eine Flucht vor allem, was zu Hause liegen bleibt. Ich glaube, beides stimmt, je nach Tag. Welche von beiden es war, zeigt sich oft erst unterwegs, an deiner Fahrweise.
Beim Alleinfahren fällt als Erstes die Absprache weg. Keiner kommt zu spät, und über die nächste Pause stimmt niemand ab. Du fährst los, wenn du fertig bist, und du hältst, wo es dir gefällt: beim Bäcker im Dorf oder an der Aussicht, an der eine Gruppe vorbeigerollt wäre.
Für ein paar Stunden bist du außerdem nicht erreichbar. Das Handy steckt in der Jacke, für den Notfall und nicht für Nachrichten, und wer anruft, erreicht dich nach der Tour.
Diese Freiheit ist kleiner und konkreter, als die Werbung sie malt. Sie besteht aus vielen Entscheidungen, die sonst andere mittreffen, und am Ende aus der einen, wann du umdrehst.
In einer Gruppe richtet sich jeder ein wenig nach dem Tempo der anderen. Wer hinten fährt, will den Anschluss halten, wer vorn ist, hat den Spiegel im Blick. Allein fehlt dieser Sog. Du musst niemandem folgen, der Kurven zügiger nimmt, als dir an diesem Tag wohl ist, und niemand sitzt dir im Nacken, wenn du vor nassem Laub Tempo herausnimmst.
Für mich ist das der Kern dieser Freiheit: Das Tempo gehört dir, und mit ihm die Verantwortung. Es gibt keinen Vordermann, an dem du dich ausrichtest, und keinen Hintermann, der dir beim nächsten Halt sagt, dass du in der dritten Kehre zu weit außen warst. Was du richtig machst, sieht keiner. Was du falsch machst, auch nicht, und eingestehen musst du es dir dann selbst.
Dasselbe gilt fürs Aufhören. In der Gruppe sagt irgendwann jemand, dass es reicht, weil die Finger kalt sind oder die Augen müde. Allein musst du das selbst merken, und das fällt schwerer, als es klingt, wenn die Straße gerade schön ist.
Die andere Fahrt kennst du auch. Nach dem Streit, nach der Mail am Freitagabend, nach einer Woche, die zu viel war. Du ziehst die Jacke an, weil du rauswillst, nicht weil du fahren willst, und auf dem Motorrad sitzt einer mit: der Ärger.
Eine solche Fahrt ist eine Flucht, und eine kurze Flucht ist nichts Verwerfliches. Heikel wird sie, wenn der Ärger am Gasgriff dreht. Mit Wut im Bauch bremst du oft später, überholst knapper und schaust weniger weit voraus, ohne es zu merken.
Deshalb gehört die wichtigste Entscheidung vor den Start: Kochst du noch vor Wut, fährst du besser gar nicht erst los. Packt dich der Ärger erst unterwegs, ist der nächste Parkplatz der richtige Ort: absteigen, Helm ab, ein paar Minuten Ruhe. Danach entscheidest du, ob du weiterfährst oder umdrehst.
Allein und einsam sind zwei Wörter, die auf dem Motorrad weit auseinanderliegen. Allein bist du meist, weil du es so willst, manchmal auch nur, weil an diesem Tag keiner Zeit hatte. Einsam bist du, wenn abends niemand da ist, dem du von der Fahrt erzählen kannst.
Viele, die allein fahren, kommen zurück und erzählen vom Nebel im Tal, der oben auf der Höhe plötzlich weg war, und vom Kaffee am Kiosk. Manche planen dabei schon die Strecke fürs nächste Mal, dann zu zweit. Und manchmal ist das Nicken aus dem Gegenverkehr das einzige Gespräch des Tages, und es reicht.
Das Alleinfahren hat eine Bedingung, über die Essays gern hinweggehen. Stürzt du ohne Begleitung, sieht dich womöglich niemand. Deshalb sollte vor einer Solotour jemand wissen, welche Strecke du nimmst und bis wann du dich meldest. Weichst du unterwegs von dieser Strecke ab, gib in der nächsten Pause kurz Bescheid, sonst wird im Ernstfall an der falschen Stelle gesucht.
Vielleicht ist die Trennung zu sauber. Viele Fahrten beginnen als Flucht und werden unterwegs etwas anderes, oft schon bei der ersten Pause, wenn der Kaffee heiß ist und der Ärger kälter.
Allein Motorrad fahren beantwortet die Frage nach Flucht oder Freiheit nicht. Es gibt dir nur Zeit, sie dir ehrlich zu stellen, unter dem Helm, wo dir keiner zuhört.
Wie gefährlich ist es, allein Motorrad zu fahren?
Allein Motorrad zu fahren hat vor allem ein Risiko, das die Gruppe nicht hat: Nach einem Sturz bemerkt es womöglich niemand. Hinterlass deshalb Strecke und Rückkehrzeit bei jemandem, der Alarm schlägt, wenn du dich bis dahin nicht gemeldet hast. Das Handy gehört in die Jacke, wo du es auch im Liegen erreichst.
Warum fahren viele Motorradfahrer lieber allein?
Viele Motorradfahrer fahren lieber allein, weil Tempo, Route und Pausen dann ihre eigenen sind. Es gibt keinen Treffpunkt und keinen Vordermann, nach dem sie sich richten müssen. Dafür liegt unterwegs jede Entscheidung bei ihnen selbst.
Ist Motorradfahren eine Flucht vor Problemen?
Motorradfahren kann eine Flucht sein, und gegen eine kurze Auszeit nach einem schlechten Tag spricht nichts, solange du nicht mit Wut im Bauch fährst. Ob es eine Flucht war, merkst du an deiner Fahrweise und daran, wie du zurückkommst. Lösen lassen sich die Probleme unterwegs nicht, nur mit etwas Abstand betrachten.
Kann ich mit Wut im Bauch Motorrad fahren?
Mit Wut im Bauch fährst du oft riskanter, als dir bewusst ist, etwa mit späterem Bremsen und knapperem Überholen. Ist der Ärger groß, lass die Maschine besser erst einmal stehen. Packt er dich erst unterwegs, halte am nächsten Parkplatz und nimm für ein paar Minuten den Helm ab.
Was ist der Unterschied zwischen allein und einsam?
Allein auf dem Motorrad bist du für eine Tour oder einen Nachmittag, meist aus freien Stücken. Einsamkeit ist etwas anderes: das Gefühl, niemanden zu haben, mit dem du teilen kannst, was du erlebt hast. Gegen das Zweite hilft keine Solotour.
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