
Ein zäher Tag, ein Streit, eine Nachricht, die nicht aus dem Kopf will. Und dann dieser Gedanke: Ich dreh noch eine Runde. Wer Motorrad fährt, kennt das. Helm auf, Motor an, und nach einer Stunde Landstraße fühlt sich vieles leichter an.
Nur braucht dieselbe Runde, die dich ablenken soll, deine ganze Aufmerksamkeit. Ob sie dir guttut oder ob du dich damit in Gefahr bringst, entscheidet sich deshalb meist schon vor dem Losfahren. Um diese Entscheidung geht es hier.
Auf dem Motorrad bleibt wenig Platz für Grübeln. Blick, Linie, Bremspunkt, der Wagen an der Einmündung: Das alles will gleichzeitig beachtet werden. Der ADAC bringt es auf eine einfache Regel: Wenn du Motorrad fährst, fährst du nur Motorrad, und für Navi, Karte oder Foto hältst du an einem sicheren Platz an.
Genau das macht den Kopf frei, und genau das kostet Kraft. Nach Angaben des ADAC liegt die körperliche Belastung beim Motorradfahren im Bereich von Wettkampfsport. Haltearbeit, Fahrtwind und die ständige Aufmerksamkeit im Verkehr summieren sich. Dass du nach einer langen Runde müde absteigst, obwohl du die ganze Zeit gesessen hast, passt dazu.
Die Runde lenkt also nicht ab, weil sie leicht ist, sondern weil sie fordert. Wer mit vollem Kopf losfährt, hat für diese Aufgabe weniger übrig.
Wenn du wütend oder aufgewühlt bist. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat und das Institut für Zweiradsicherheit haben 2019 einen eigenen Clip dazu gedreht: Gefühle lenken vom Verkehr ab und können so innerhalb weniger Sekunden zu einem Unfall führen. Wer merkt, dass er seinen Ärger am Gasgriff loswerden will, dreht die Runde heute besser zu Fuß.
Wenn du müde bist. In einem Versuch auf einem Motorradsimulator mussten zwölf junge, gesunde Motorradfahrer aus 40 km/h eine Notbremsung machen, einmal ausgeschlafen und einmal nach einer Nacht ohne Schlaf. Übermüdet war ihre Reaktionszeit um 21 Prozent länger, und der Anhalteweg wuchs um 20 Prozent. Das ist ein Laborversuch mit wenigen Teilnehmern, doch der Unterschied war deutlich messbar. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat rechnet außerdem vor: Wer bei 100 km/h fünf Sekunden einnickt, legt 140 Meter ohne Kontrolle zurück.
Wenn es in dir dunkel ist. Es gibt Tage, an denen keine Runde hilft. Wenn Gedanken kreisen, die dir Angst machen, ist ein Gespräch der bessere erste Schritt als der Zündschlüssel.
Hilfe in der Krise: Steckst du in einer Krise oder denkst du daran, dir etwas anzutun, dann fahr nicht los und ruf an. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge Tag und Nacht, kostenfrei und anonym unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. In Österreich hilft die Telefonseelsorge unter 142 rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich. In der Schweiz und in Liechtenstein ist die Dargebotene Hand unter 143 rund um die Uhr und anonym erreichbar. Das Gespräch ist kostenlos, je nach Telefonanbieter können Verbindungsgebühren anfallen. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112.
Eine Auszeit wird nicht besser, weil sie länger dauert. Die Verkehrssicherheitskampagne Runter vom Gas empfiehlt für Motorradausfahrten alle ein bis zwei Stunden eine Pause. Der ADAC gibt zu bedenken, dass der Zwei-Stunden-Rhythmus aus der Autowelt je nach Motorrad, Strecke und Wetter für Motorradfahrende zu lang sein kann. Wer merkt, dass die Konzentration nachlässt, ist nach Einschätzung des ADAC schon zu lange gefahren.
Für ganze Tage nennt der ADAC eine Faustregel: auf Landstraßen höchstens 350 Kilometer, im Gebirge mit Pässen höchstens 250 Kilometer. Für eine Runde, die den Kopf frei machen soll, liegt das meist weit über dem, was du brauchst. Oft reicht eine kurze Strecke, die du gut kennst.
Zwei Dinge setzen dir unterwegs zu, ohne dass du es gleich merkst. Das eine ist der Lärm unter dem Helm. Bei Helmtests des ADAC lag der Pegel bei 100 km/h zwischen rund 84 und fast 95 dB(A). Das andere ist Hitze. In einem australischen Laborversuch stieg bei Menschen in Motorradschutzkleidung bei 35 Grad die Körperkerntemperatur binnen 90 Minuten um zwei Grad, und sie fühlten sich weniger wach und weniger ruhig. Gehörschutz und eine Pause im Schatten gehören zur Auszeit also dazu.
Zum Abschalten fährst du vielleicht allein los, und womöglich weiß niemand, wohin. Auf Technik solltest du dich dabei nicht blind verlassen. Die Unfallerkennung von iPhone und Apple Watch ist nach Angaben von Apple für schwere Unfälle mit Personenwagen wie Limousinen, Vans und SUVs ausgelegt. Motorräder nennt Apple dabei nicht.
Manche Hersteller bieten einen eigenen Notruf am Motorrad an. BMW Motorrad etwa führt für Modelle wie die R 12 ein intelligentes Notrufsystem als Sonderausstattung, das bei Unfällen auch automatisch Hilfe rufen kann. Serienmäßig an Bord ist so etwas aber längst nicht überall. Die einfachste Absicherung kostet nichts: Sag jemandem, welche Strecke du fährst und wann du ungefähr zurück bist.
Drei kurze Fragen helfen, die Entscheidung ehrlich zu treffen, bevor der Motor läuft.
Will ich fahren oder will ich weg? Wer fahren will, freut sich auf Kurven und Landschaft. Wer nur weg will, nimmt den Ärger mit auf die Straße.
Bin ich wach genug für eine Notbremsung? Wenn du dir diese Frage nicht klar mit Ja beantworten kannst, bleibt das Motorrad heute stehen.
Weiß jemand, wo ich bin? Eine kurze Nachricht mit Strecke und Rückkehrzeit ist schnell geschrieben.
Wenn alle drei Antworten passen, ist die Runde das, wofür du sie willst: eine Stunde, in der nur die Straße zählt. Und wenn nicht, ist das Motorrad morgen auch noch da.
Kann Motorradfahren beim Abschalten helfen?
Viele erleben es so, weil das Fahren die volle Aufmerksamkeit bindet und für Grübeln wenig Platz lässt. Genau deshalb ist es aber keine gute Idee, mit Wut, großer Müdigkeit oder in einer Krise loszufahren. Dann fehlt die Aufmerksamkeit, die das Fahren braucht.
Wie oft sollte ich auf dem Motorrad eine Pause machen?
Die Kampagne Runter vom Gas empfiehlt alle ein bis zwei Stunden eine Pause. Der ADAC hält den Zwei-Stunden-Rhythmus für Motorradfahrende je nach Motorrad, Strecke und Wetter oft schon für zu lang. Spätestens wenn die Konzentration nachlässt, ist eine Pause fällig.
Wie stark wirkt sich Müdigkeit auf dem Motorrad aus?
In einem Simulatorversuch mit zwölf jungen Männern verlängerte eine Nacht ohne Schlaf die Reaktionszeit bei einer Notbremsung aus 40 km/h um 21 Prozent und den Anhalteweg um 20 Prozent. Wer bei 100 km/h fünf Sekunden einnickt, fährt 140 Meter ohne Kontrolle.
Erkennt mein Smartphone einen Motorradunfall?
Darauf solltest du dich nicht verlassen. Apple beschreibt die Unfallerkennung von iPhone und Apple Watch als ausgelegt für schwere Unfälle mit Personenwagen. Sag vor einer Solorunde lieber jemandem Bescheid, welche Strecke du fährst und wann du zurück bist.
Wo bekomme ich Hilfe, wenn es mir richtig schlecht geht?
In Deutschland bei der TelefonSeelsorge unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123, in Österreich bei der Telefonseelsorge unter 142 und in der Schweiz bei der Dargebotenen Hand unter 143. Alle drei sind rund um die Uhr erreichbar. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112.
Wie weit sollte eine Motorradtour am Tag höchstens gehen?
Der ADAC nennt als Faustregel höchstens 350 Kilometer auf Landstraßen und höchstens 250 Kilometer im Gebirge mit Pässen. Für eine Runde zum Abschalten reicht meist deutlich weniger.
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