
„Den Zweiten brauch ich eigentlich erst am Ortsschild.“ Das sagt der mit dem Vierzylinder, beim Kaffee nach der Feierabendrunde, und zwar so beiläufig, dass es nach Angeberei klingt. Du selbst schaltest in der Stadt dauernd zwischen Erstem und Zweitem hin und her, deine Maschine mit Zweizylinder scheint es so zu wollen.
Nachgerechnet hat er gar nicht so unrecht. Bis zur Höchstleistung kommen manche Motorräder im ersten Gang auf fast 100 km/h, andere nur auf 60, eine 125er auf 40. Am Getriebe allein liegt das nicht. Mindestens ebenso wichtig ist, wie hoch der Motor dreht.
Ob dein Erster bis zur Höchstleistung 60 oder 90 km/h hergibt, findest du heraus, ohne ihn auszudrehen. Fahr auf einer ruhigen Straße im Ersten gleichmäßig 30 km/h laut Tacho und lies mit einem kurzen Blick die Drehzahl ab. Den Rest rechnest du beim nächsten Kaffee aus: die Drehzahl, für die das Datenblatt die Höchstleistung angibt, geteilt durch deinen abgelesenen Wert, mal 30.
Eine Honda CB650R gibt ihre Höchstleistung bei 12.000 Umdrehungen ab und dreht bei 30 km/h im Ersten rechnerisch rund 3.700. 12.000 geteilt durch 3.700, mal 30, ergibt knapp 100. Bei einer Kawasaki Z650 sind es 8.000 und rund 4.000 Umdrehungen, das ergibt 60. Die beiden Drehzahlen gelten für echte 30 km/h. Geht dein Tacho etwas vor, liest du ein wenig weniger ab, und das Ergebnis passt dann zu dem Tempo, das dein Tacho anzeigt.
Für deine Rechnung reicht die Drehzahl der Höchstleistung. Bis zum Begrenzer geht der Gang noch ein Stück weiter, aber wo der liegt, steht nicht in jeder Anleitung. Dann zeigt der rote Bereich am Drehzahlmesser ungefähr, wo Schluss ist.
Gerade mit einer neuen Maschine ist die Rechnung der richtige Weg, denn hohe Drehzahlen sind erst nach dem Einfahren dran. Für die 390 Duke von 2026 nennt KTM bis Kilometer 1.000 höchstens 7.500 Umdrehungen. Honda rät für die CB650R auf den ersten 500 Kilometern, Vollgas beim Anfahren und abruptes Beschleunigen zu vermeiden und den Motor noch zurückzuhalten.
Wie weit ein Gang reicht, hängt zuerst an der Drehzahl, die der Motor schafft. Auf dem Weg von der Kurbelwelle zum Hinterrad wird sie dreimal heruntergeteilt: im Primärantrieb zwischen Kurbelwelle und Getriebe, in der Gangstufe und an der Kette. Malgenommen ergeben diese drei Stufen die Gesamtübersetzung.
Bei der CB650R sind es im Ersten rund 14,5. Die Kurbelwelle dreht sich also 14,5-mal, bis sich das Hinterrad einmal gedreht hat. Mit dieser einen Umdrehung rollt die Maschine knapp zwei Meter weit, so viel misst der Umfang des Hinterreifens. Daraus wird das Tempo: Drehzahl geteilt durch Gesamtübersetzung, mal Reifenumfang. Gerechnet ist in der Tabelle jeweils bis zu der Drehzahl, für die der Hersteller die Höchstleistung angibt.
| Maschine | Übersetzung im Ersten, gesamt | Höchstleistung bei | Tempo im Ersten, rund |
|---|---|---|---|
| Honda CB650R, Vierzylinder | 14,5 | 12.000/min | 98 km/h |
| Kawasaki Z900, Vierzylinder | 12,4 | 9.500/min | 91 km/h |
| BMW F 900 XR (77 kW, Anleitung 2019), Zweizylinder | 13,4 | 8.500/min | 76 km/h |
| Honda CB750 Hornet, Zweizylinder | 15,0 | 9.500/min | 75 km/h |
| Honda NC750X mit Schaltgetriebe, Zweizylinder | 12,4 | 6.750/min | 64 km/h |
| Kawasaki Z650, Zweizylinder | 15,7 | 8.000/min | 60 km/h |
| Kawasaki Z125, Einzylinder | 29,4 | 10.000/min | 39 km/h |
Die beiden Vierzylinder liegen vorn, die Zweizylinder kommen auf 60 bis gut 75 km/h, die 125er auf knapp 40. Über die Höchstleistung hinaus drehen die Motoren noch ein Stück weiter, bis der Begrenzer eingreift. Bei der F 900 XR liegt diese Höchstdrehzahl laut BMW bei 9.000 Umdrehungen. Damit reicht ihr Erster bis rund 80 km/h.
Den Reifenumfang haben wir aus der Reifengröße gerechnet. Unter Last rollt der Reifen etwas weniger ab und schlupft beim Beschleunigen minimal, bei derselben Drehzahl kommen deshalb auf der Straße ein paar km/h weniger heraus.
Die CB650R und die Z650 sind im Ersten ähnlich übersetzt, die Kawasaki ein wenig kürzer: Ihr Motor dreht bei gleichem Tempo höher. Mit Tempo 50 im Ersten sind es bei der Honda rund 6.100 Umdrehungen, bei der Kawasaki rund 6.700. Der große Unterschied liegt beim Motor: Der Vierzylinder gibt seine Höchstleistung erst bei 12.000 Umdrehungen ab, der Zweizylinder schon bei 8.000. Die Honda hat damit bei Tempo 50 erst die Hälfte dieser Drehzahl erreicht, die Kawasaki schon mehr als vier Fünftel.
Die Z900 kommt auf anderem Weg ans Ziel. Der Vierzylinder der Kawasaki hat seine Höchstleistung schon bei 9.500 Umdrehungen, so früh wie der Zweizylinder der Hornet. Dafür ist ihr Erster deutlich länger übersetzt, bei Tempo 50 dreht sie nur gut 5.200. So kommt sie trotzdem auf gut 90 km/h, während die Hornet bei derselben Drehzahl erst bei 75 ist.
Die Kawasaki Ninja ZX-10R von 2027 geht beide Wege zugleich: Sie gibt ihre Höchstleistung bei 13.000 Umdrehungen ab und ist im Ersten mit 10,5 länger übersetzt als jede Maschine der Tabelle. Mit derselben Rechnung reicht ihr Erster bis fast 150 km/h.
Ein Getriebe macht aus Drehzahl Tempo. Wie viel davon im Ersten herauskommt, entscheiden Übersetzung und Drehzahlband gemeinsam.
Zwischen den Mittelklasse-Maschinen der Tabelle unterscheiden sich die Übersetzungen um gut ein Viertel. Die Drehzahl der Höchstleistung liegt dagegen zwischen 6.750 bei der NC750X und 12.000 bei der CB650R, fast das Doppelte. Deshalb ist es oft der Motor, der den Ersten lang macht, und nicht das Getriebe.
Im Zweiten setzt sich das fort. Mit derselben Rechnung reicht der zweite Gang der Z650 bis gut 85 km/h, bei der CB650R bis fast 130. Wer die beiden Maschinen nacheinander fährt, schaltet deshalb nicht nur im Ersten bei ganz anderem Tempo.
Die Z125 dreht bis zur Höchstleistung 10.000 Umdrehungen, nicht viel weniger als der Vierzylinder der CB650R. Trotzdem hat sie ihre Höchstleistung im Ersten schon bei knapp 40 km/h erreicht. Die Erklärung steht in der zweiten Spalte der Tabelle. Mit 29,4 ist die kleine Kawasaki ungefähr doppelt so kurz übersetzt wie die Mittelklasse.
Das hat mit dem Drehmoment zu tun. Der Einzylinder der Z125 bringt laut Kawasaki 11,7 Newtonmeter, einen Bruchteil dessen, was ein 650er oder 750er an Drehmoment hat. Mit der Übersetzung einer Mittelklasse-Maschine käme am Hinterrad nur die halbe Zugkraft an oder noch weniger. Die kurze Übersetzung hat ihren Preis: Für Tempo 50 müsste der Motor der Z125 im Ersten über 12.000 Umdrehungen drehen, mehr als die Drehzahl, für die Kawasaki die Höchstleistung nennt.
Auf einer 125er schaltest du also nicht aus Gewohnheit früh, sondern weil der Gang schnell zu Ende ist. Wer dort angefangen hat, kennt einen Ersten, der kurz nach 40 vorbei ist. Auf einer Mittelklasse-Maschine trägt derselbe Gang mindestens anderthalbmal so weit, und das fühlt sich beim Umstieg ungewohnt an.
Wie viel der Reifen ausmacht, zeigen zwei Hondas mit demselben Antrieb. Die CB750 Hornet und die XL750 Transalp teilen sich den Zweizylinder, die Höchstleistung bei 9.500 Umdrehungen und laut Anleitung dieselben Übersetzungen. Hinten rollt die Hornet auf einem 17-Zoll-Rad mit Reifen 160/60, die Transalp auf einem 18-Zoll-Rad mit Reifen 150/70, schmaler, aber mit höherer Flanke.
Der Hinterreifen der Transalp ist im Umfang knapp sieben Prozent größer, und im selben Maß reicht ihr Erster weiter: rund 80 km/h statt rund 75. Dasselbe gilt für die anderen Gänge.
Auch Tachoanzeige und Elektronik rechnen mit einem bestimmten Radumfang. Die Drehmomentkontrolle der CB650R, wie Honda seine Traktionskontrolle nennt, braucht laut Anleitung von 2024 Reifen und Kettenrad in der vorgesehenen Größe, um sauber zu arbeiten.
Im Ersten schiebt der Motor beim Gasgeben am stärksten, und beim Gaswegnehmen bremst er dort am stärksten. Auf nassem Laub, Kopfsteinpflaster oder einer Fahrbahnmarkierung im Regen reicht deshalb wenig, damit das Hinterrad durchdreht oder wegrutscht.
Die Drehmomentkontrolle der CB650R hilft dabei nur in eine Richtung. Laut Honda greift sie ein, wenn das Hinterrad unter Gas durchdreht. Bricht das Hinterrad dagegen unter der Motorbremse aus, regelt sie nicht. Honda rät, auf glattem Boden das Gas nicht schlagartig zu schließen. Die Anti-Hopping-Kupplung der Maschine beseitigt laut Anleitung Nebeneffekte harter Motorbremse wie ein blockierendes Hinterrad. Den Rat zum Gasgriff ersetzt sie nicht.
Gerade im Herbst liegt nasses Laub an vielen Stellen auf der Straße. Ein langer Erster hilft dort nicht. Er verführt höchstens dazu, länger im ersten Gang zu bleiben, in dem jede Bewegung am Gasgriff am kräftigsten ankommt. Im Zweiten oder Dritten geht es dort sanfter zu.
Wer mit einer CB650R im Ersten durch den Ort fährt, hat bei Tempo 50 gut 6.000 Umdrehungen anliegen. Im Dritten wären es rund 3.800, und diesen Unterschied hört jeder am Straßenrand.
Dazu reagiert die Maschine im Ersten am heftigsten auf deinen Gasgriff. Die Übersetzung teilt die Drehzahl auf dem Weg zum Hinterrad und vervielfacht dabei das Drehmoment des Motors. Im Stop-and-go spürst du das als Ruck im Antrieb und als Nicken der Maschine.
Diese Kraft ist der eigentliche Zweck des ersten Gangs. Beim Losfahren am Hang oder in einer steilen Kehre bergauf spielt er sie aus, ganz gleich, ob er bis zur Höchstleistung für 40, 60 oder fast 100 km/h reicht.
In der Stadt machst du mit deinem Zweizylinder nichts falsch, wenn du früh schaltest. Dein Motor ist bei 50 im Ersten schon weit oben, im Zweiten oder Dritten läuft er ruhiger. Nur zu tief sollte die Drehzahl nicht fallen: Ein Vierzylinder zündet doppelt so oft und zieht dort noch rund, ein Zweizylinder hackt dann eher an der Kette. Wer Vierzylinder und Zweizylinder im Wechsel fährt, schaltet sie nach Gehör und Gefühl unterschiedlich, und das passt zur Rechnung.
Ein langer Erster ist also weder besser noch schlechter als ein kurzer. Meist zeigt er, wie hoch ein Motor drehen will, und manchmal nur, wie lang ihn der Hersteller übersetzt hat.
Bis zu welchem Tempo reicht der erste Gang beim Motorrad?
Der erste Gang reicht in unseren Beispielen je nach Maschine von knapp 40 bis fast 150 km/h, gerechnet bis zur Drehzahl der Höchstleistung, bis zum Begrenzer etwas weiter. Die Kawasaki Z125 als 125er kommt auf knapp 40, Zweizylinder der Mittelklasse auf 60 bis gut 75. Die Vierzylinder Kawasaki Z900 und Honda CB650R schaffen gut 90 und fast 100 km/h, die Ninja ZX-10R fast 150.
Wie berechne ich die Geschwindigkeit im ersten Gang?
Die Geschwindigkeit im ersten Gang folgt aus Drehzahl, Gesamtübersetzung und Reifenumfang. Primärübersetzung, Gangstufe und Endübersetzung werden malgenommen, die Drehzahl durch dieses Produkt geteilt und mit dem Umfang des Hinterreifens multipliziert. Ohne Anleitung hilft ein Dreisatz mit der Drehzahl, die bei 30 km/h anliegt.
Warum reicht der erste Gang beim Vierzylinder oft weiter?
Ein Vierzylinder der Mittelklasse erreicht seine Höchstleistung oft bei höherer Drehzahl als ein Zweizylinder, die Honda CB650R etwa erst bei 12.000 Umdrehungen. Bei ähnlicher Übersetzung reicht derselbe Gang dann weiter. Die Kawasaki Z900 kommt mit 9.500 Umdrehungen und einer längeren Übersetzung auf ein ähnliches Ergebnis.
Ändert ein größeres Hinterrad das Tempo im ersten Gang?
Ein Hinterrad mit größerem Umfang verlängert jeden Gang im selben Verhältnis. Die Honda XL750 Transalp und die CB750 Hornet haben denselben Motor und dieselben Übersetzungen, der 18-Zoll-Reifen der Transalp hat aber knapp sieben Prozent mehr Umfang. Der erste Gang der Transalp reicht deshalb bis rund 80 statt rund 75 km/h.
Warum ruckelt das Motorrad im ersten Gang stärker?
Ein Motorrad ruckelt im ersten Gang stärker, weil die kurze Übersetzung das Drehmoment des Motors am Hinterrad am stärksten vervielfacht. Jede kleine Bewegung am Gasgriff kommt dort als deutlicher Schub oder Bremsruck an. Im zweiten oder dritten Gang wirkt dieselbe Bewegung schwächer, und der Motor dreht bei gleichem Tempo niedriger.
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