
Ein Naked Bike trägt kaum Verkleidung, darin liegt der Reiz der Klasse. Trotzdem sitzen an vielen dieser Maschinen links und rechts vom Kühler zwei Plastikteile, die aussehen wie Ohren. An Reiseenduros fallen sie oft noch größer aus, und an der wassergekühlten BMW R 1200 GS tragen sie sogar das Logo und den GS-Schriftzug.
Deko ist das aber nur zum Teil. Die Kühlerverkleidung, wie das Teil meist heißt, schickt den Fahrtwind durch den Kühler statt außen an ihm vorbei, und sie lenkt die warme Luft dahinter von dir weg. Manche bauen sie ab, weil die Maschine ohne sie noch nackter aussieht. Dabei sparen sie etwas Gewicht und verzichten auf beides.
Für den Fahrtwind ist ein Kühler ein Hindernis. Dicht an dicht stehen dort dünne Lamellen. Sie vergrößern die Fläche, über die das Kühlmittel seine Wärme abgibt. Die Luft muss sich durch schmale Kanäle zwängen, um diese Wärme mitzunehmen. Direkt daneben steht ihr nichts im Weg.
Luft, die von vorn auf so ein Netz trifft, teilt sich auf. Vor den Lamellen staut sie sich ein wenig, und aus diesem Stau weicht ein Teil zur Seite aus. Das kennst du vom Windschild: Die Luft drückt sich nicht hindurch, sie strömt über die Kante hinweg. Je leichter der Umweg außen herum ist, desto mehr Luft nimmt ihn, und diese Luft kühlt nichts.
An diesen Seiten sitzen die Ohren. Sie verschließen die Wege, auf denen die Luft ausweichen würde, und fangen zusätzlich Fahrtwind ein, der sonst neben dem Kühler vorbeistreichen würde. Die Luft, die vorn ankommt, hat dann kaum noch einen anderen Weg als durchs Netz.
Hinter dem Kühler geht die Arbeit weiter. Die Luft ist jetzt warm, im Stau mit laufendem Lüfter noch wärmer, und sie muss irgendwohin. Ohne Führung sucht sie sich den nächsten freien Weg, und der kann direkt an deine Knie führen.
Vollverkleidete Motorräder brauchen keine Ohren. Dort sitzt der Kühler hinter der Verkleidung, und deren Öffnungen und Kanäle übernehmen diese Aufgabe. Ohren findest du dort, wo der Kühler offen im Wind hängt: an Naked Bikes, Reiseenduros und Enduros.
Wie die Ohren die Luft führen, beschreiben die Hersteller selbst, etwa BMW zur wassergekühlten R 1200 GS, die im Herbst 2012 vorgestellt wurde.
Die GS hat zwei Kühler, links und rechts vorn, und laut BMW schützen die Kühlerabdeckungen sie gut. Über die neue Abdeckung schreibt BMW, sie beherrsche mit einer ausgefeilten Abrisskante „die Durchströmung des Kühlers optimal“. Eine Abrisskante ist eine scharfe Kante, an der sich die vorbeiströmende Luft sauber ablöst.
Auch den Weg der Luft hinter dem Kühler hat BMW geplant. Dank der beidseitigen Kühlluftführung, so BMW, werde die warme Luft strömungsgünstig am Fahrer vorbeigeleitet. Und auf derselben Abdeckung sitzen BMW-Logo und GS-Schriftzug. Funktion und Deko schließen sich also nicht aus.
Ähnliches steht bei Honda, über eine ganz andere Maschine. Für die kleine Enduro CRF300L wurden zum Modelljahr 2025 die Kühlerverkleidung und ein Seitendeckel neu gestaltet. Beide leiten laut Honda die warme Luft vom Fahrer weg, und ein größeres Gitter vorn lässt mehr Luft hinein.
Für die Motocross-Maschinen CRF450R und CRF250R des Modelljahrs 2024 schreibt Honda, die Luftauslässe in den Kühlerverkleidungen seien per Strömungssimulation am Computer entworfen worden. Die Gitter vorn sind laut Honda nach Zahl und Winkel ihrer Lamellen auf möglichst viel Kühlleistung ausgelegt. Schlitze in den Ohren können solche Auslässe sein: Durch sie soll die warme Luft hinter dem Kühler gezielt entweichen.
An Crossern und Enduros kommt noch eine Aufgabe dazu. Beim Fahren im Stehen liegen dort oft die Knie an, und Honda betont bei der CRF450R einen glatten Übergang zwischen Kühlerverkleidung und Seitenteil, damit du dich in Kurven frei bewegen kannst.
Gewinnen kannst du eine schlankere Linie und etwas Gewicht, wobei es bei Plastikteilen dieser Größe eher um Gramm als um Kilo geht. Ohne Ohren kommst du auch leichter an den Kühler heran, zum Putzen etwa. Verlieren kannst du dreierlei: die Führung der Luft durch das Netz, den Schutz an den Seiten und die Ableitung der warmen Luft.
Den fehlenden Schutz siehst du am schnellsten. Ohne Ohren liegen die Seitenkanten des Kühlers frei, und bei einem Umfaller oder einem Ast im Gelände trifft es dann direkt das Netz.
Einen Messwert mit und ohne Ohren liefert keine dieser Herstellerunterlagen. Trotzdem lässt sich absehen, wo du den Unterschied zuerst merkst.
Auf der Landstraße kommt am Kühler weit mehr Fahrtwind an, als der Motor zum Kühlen braucht. Fehlt ein Teil der Führung, fängt diese Reserve den Verlust meistens auf, und die Anzeige bleibt, wo sie immer steht. Eine Maschine ohne Ohren kann so monatelang unauffällig fahren. Deshalb sagt eine kurze Probefahrt wenig, der Unterschied zeigt sich erst, wenn die Reserve schrumpft.
Im Stand gibt es keinen Fahrtwind, den die Ohren lenken könnten. Dann arbeitet der Lüfter allein, und BMW nennt für die wassergekühlte GS genau diesen Fall: Er schalte sich bei Bedarf zu, etwa im Stadtverkehr bei hohen Außentemperaturen. Die Verkleidung bestimmt jetzt vor allem, wohin seine warme Luft abzieht.
Honda hat an der CRF300L den Seitendeckel neu geformt, damit die heiße Luft aus dem Lüfter den Fahrer weniger trifft. Je nachdem, wohin die Ohren sie schicken, landet sie am Boden, seitlich neben der Maschine oder an deinen Schienbeinen.
Am knappsten wird es dazwischen. Wer im Sommer mit Gepäck hinter einem Wohnmobil eine Passstraße hinaufrollt, kennt die Lage. Der Motor arbeitet, der Fahrtwind ist schwach, und die Luft ist schon warm, bevor sie den Kühler erreicht. Luft, die dann am Kühler vorbeigeht statt hindurch, fehlt am ehesten.
An der Anzeige merkst du fehlende Ohren also erst, wenn es knapp wird, an den Beinen oft früher.
Sicherheitshinweis: Schraub die Ohren erst ab, wenn die Maschine abgekühlt ist, die Zündung aus und der Schlüssel abgezogen. Solange die Zündung an ist oder der Motor noch warm, haben deine Finger zwischen Kühler und Lüfter nichts zu suchen.
Der Kühlerlüfter schaltet sich laut Yamaha je nach Kühlmitteltemperatur selbst ein. Bei Honda gehört es zur Überhitzungsprüfung, bei stehendem Motor die Zündung einzuschalten und nachzusehen, ob er läuft. An manchen Maschinen läuft er auch bei abgestelltem Motor eine Zeit lang weiter. Er kann also anspringen, während du am Kühler arbeitest, und seine drehenden Flügel können dir dann die Finger verletzen.
Die Ohren stehen seitlich vor. Fällt die Maschine im Stand um, bekommen sie je nach Bauart etwas ab, und manchmal bricht eine Halterung oder ein Stück Kante. Sieh dann zuerst nach dem Kühler dahinter: verbogene Lamellen, Kratzer an den Rohren, feuchte Stellen oder ein süßlicher Geruch nach Kühlmittel. Tropft Kühlmittel, ist die Fahrt vorbei, bis der Kühler dicht ist.
Ein halb abgerissenes Ohr, das lose flattert, kann am Kühler scheuern oder bei Fahrt ganz abreißen. Bis Ersatz da ist, befestigst du es sicher oder nimmst es ganz ab. Klebeband quer über das Gitter gehört nicht dazu, es verschließt gerade die Öffnungen, auf die es ankommt.
Ein neues Ohr gibt es als Ersatzteil. Nimm das Originalteil oder eines, das genau für dein Modell gemacht ist, denn Form und Kanten gehören zur Luftführung. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Beim Wiederanbau zählt der Sitz. Liegt ein Ohr nicht mehr bündig am Kühler an, ist jede Lücke ein bequemer Umweg für die Luft. Zubehörteile aus Carbon oder Aluminium sehen oft anders aus als das Original. Ob sie die Luft genauso führen, siehst du keinem Foto an. Das zeigt erst ein heißer Tag, langsam am Berg oder im Stau.
Auch Anbauteile vorn verändern den Weg der Luft, etwa ein Schutzgitter vor dem Netz. Kawasaki beschreibt die Kühlerblende aus dem eigenen Zubehör für die Z900 des Modelljahrs 2027 als Metallgitter mit Laserschnitt-Muster, das möglichst viel Luft durchlassen soll.
Im Stau oder an einer langen Ampel verrät dir deine Maschine, wohin sie ihre Wärme schickt. Sobald der Lüfter anspringt, spürst du die warme Luft an den Schienbeinen, an den Knien oder kaum.
An der wassergekühlten GS sitzt der Lüfter laut BMW hinter dem rechten Kühler. Seine warme Luft kommt rechts heraus, und dort soll die Kühlluftführung sie an dir vorbeileiten. Die CRF300L hat ihren einzigen Kühler dagegen links, und für 2025 hat Honda dort auch den Lüfter anders ausgerichtet.
Spürst du die Wärme plötzlich an einer Stelle, an der vorher nichts war, sieh dir die Ohren an. Eine verrutschte oder gebrochene Verkleidung lenkt die Luft anders als eine intakte.
Beim Gebrauchtkauf hilft derselbe Blick. Bist du oft im Stadtverkehr unterwegs, fahr bei der Probefahrt auch ein Stück durch die Stadt, nicht nur über Land. Springt der Lüfter an einer Ampel an, merkst du schnell, wo es warm wird.
Um wie viel Wärme es geht, zeigt die CRF300L. Honda legt ihren Kühler bei einem Motor mit 20,1 Kilowatt Spitzenleistung auf 12,7 Kilowatt Wärmeabgabe aus. Das entspricht etwa sechs Heizlüftern mit je zwei Kilowatt. Im Leerlauf an der Ampel fällt nur ein kleiner Teil davon an, unter Last am Berg deutlich mehr. Wohin die Wärme zieht, bestimmen an der kleinen Enduro zwei Stücke Plastik mit.
Welche Aufgabe hat die Kühlerverkleidung am Motorrad?
Die Kühlerverkleidung führt den Fahrtwind auf das Kühlernetz, statt ihn seitlich vorbeiströmen zu lassen, und lenkt die erwärmte Luft hinter dem Kühler vom Fahrer weg. Nebenbei schützt sie die Seiten des Kühlers. BMW schreibt über die Kühlerabdeckung der wassergekühlten R 1200 GS, ihre Abrisskante beherrsche die Durchströmung des Kühlers.
Wird der Motor heißer, wenn ich die Kühlerverkleidung abbaue?
Messwerte mit und ohne Kühlerverkleidung veröffentlichen die Hersteller in der Regel nicht. Bei flotter Fahrt hat ein gesunder Kühler meist genug Reserve, sodass die Anzeige kaum reagiert. Knapper wird es bei langsamer Fahrt bergauf, mit Gepäck und in der Hitze. Deutlicher spürst du den Unterschied oft an den Beinen, weil die warme Luft ohne Führung einen anderen Weg nimmt.
Warum wird mir an den Knien heiß, wenn der Lüfter läuft?
Der Lüfter bewegt Luft durch den heißen Kühler, und die erwärmte Luft muss danach irgendwohin. Kühlerverkleidung und Seitendeckel entscheiden mit, wie viel davon an deinen Beinen ankommt. Honda hat an der CRF300L zum Modelljahr 2025 beide neu geformt, damit die warme Luft am Fahrer vorbeizieht.
Warum läuft der Kühlerlüfter, obwohl der Motor aus ist?
Der Kühlerlüfter richtet sich nach der Temperatur des Kühlmittels, nicht danach, ob der Motor läuft. Bei eingeschalteter Zündung kann er auch bei stehendem Motor arbeiten, Honda nutzt das sogar bei der Prüfung nach einer Überhitzung. Manche Maschinen lassen ihn nach dem Abstellen auch noch eine Weile nachlaufen. Bevor du am Kühler schraubst, lass die Maschine abkühlen, schalte die Zündung aus und zieh den Schlüssel ab.
Kann ein Kühlerschutzgitter die Kühlung verschlechtern?
Jedes Schutzgitter verdeckt einen Teil der Kühlerfläche, es kommt aber auf die Bauart an. Kawasaki beschreibt das Metallgitter aus dem Zubehör der Z900 mit einem gelaserten Muster, das möglichst viel Luft durchlassen soll. Ein passgenaues Gitter mit großen Öffnungen bremst den Luftstrom nur wenig, ein engmaschiges setzt sich dagegen leichter zu.
Sind die Plastikteile am Kühler nur Deko?
Die Plastikteile am Kühler sind nicht nur Deko, auch wenn sie oft Logos tragen. An der wassergekühlten BMW R 1200 GS steht auf der Kühlerabdeckung der GS-Schriftzug, und laut BMW steuert dieselbe Abdeckung mit ihrer Kante, wie die Luft den Kühler durchströmt. Honda hat die Luftauslässe in den Verkleidungen seiner Motocross-Maschinen per Strömungssimulation geformt.
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