
Der Schauer ist durch, der Asphalt glänzt noch, und kurz nach sechs knickt die Straße hinter dem Ortsausgang nach Westen ab. Im selben Moment ist vorn alles weiß. Der Kleinwagen, dem du seit drei Kilometern folgst, ist nur noch ein schwarzer Umriss, und ob sein Bremslicht gerade brennt, kannst du nicht sagen.
Das ist die tiefstehende Sonne im Herbst. Sie steht jetzt knapp über der Stelle, auf die du beim Fahren schaust, und wenn die Fahrbahn nass ist, liegt sie ein zweites Mal mitten darin.
Stell dich an den Straßenrand, streck den Arm aus, mach eine Faust und halte sie auf den Horizont. Für dieses Thema ist das Messgerät genau genug.
In diesen Tagen steht die Sonne um acht Uhr morgens keine Faustbreit über dem Horizont, um sechs Uhr abends gut eine, und mit jedem Tag wird es weniger. Im Juni waren es zu denselben Uhrzeiten zwei bis drei Fäuste. Wer weiter im Osten wohnt, in Wien etwa, hat es morgens etwas leichter und abends schwerer.
Achte einmal darauf, wohin du auf der Landstraße schaust. Nicht kurz vor dein Vorderrad, sondern weit nach vorn, dorthin, wo die Straße hinter der nächsten Kurve verschwindet. Dieser Punkt liegt fast auf dem Horizont. Im Sommer hatte die Sonne zu diesen Uhrzeiten also reichlich Abstand zu der Stelle, die du liest. Jetzt steht sie knapp darüber.
Heller ist die tiefstehende Sonne dabei nicht geworden, eher im Gegenteil. Sie ist nur näher an deine Blickrichtung gerückt, und darauf reagiert dein Auge.
Das helle Licht streut in deinem eigenen Auge und legt sich wie ein Schleier über alles, was daneben liegt. Je näher die Sonne an deiner Blickrichtung steht, desto dichter wird dieser Schleier genau über dem Bild, das du brauchst, und er wächst immer schneller, je weiter sie heranrückt.
Darunter verschwinden zuerst die Dinge mit wenig Kontrast: das dunkle Auto im Schatten, der Radfahrer am Rand, das Schlagloch in der Kurve. Die Sonne muss dafür gar nicht mitten in deinem Blick stehen. Es reicht, dass sie daneben steht.
Dein Geburtsjahr redet dabei mit. Die Augenlinse streut mit den Jahren mehr Licht, und mit siebzig ist es bei derselben Sonne ungefähr doppelt so viel wie mit dreißig. Mit Konzentration hat das nichts zu tun: Wer älter ist, bekommt schlicht mehr Nebel ins Bild.
Der Autofahrer klappt jetzt seine Blende herunter. Du hast keine, jedenfalls keine, die über deinem Blickfeld sitzt und die Sonne einfach wegnimmt. Was du hast, ist die Oberkante deines Visierausschnitts.
Senk das Kinn ein kleines Stück, bis diese Kante die Sonne verdeckt, und schau mit den Augen darunter nach vorn. Die Straße bleibt im Bild, die Sonnenscheibe verschwindet. Ohne Zubehör ist das dein wirksamstes Mittel, weil es die Sonne nicht dämpft, sondern aus dem Bild nimmt. Mit ihr verschwindet auch das meiste Streulicht in deinem Auge.
Schau dabei nicht hinein, auch nicht kurz, um nachzusehen, wo sie gerade steht. Jeder direkte Blick hinterlässt einen dunklen Fleck, der noch eine Weile im Bild bleibt. Und er wandert mit, genau dorthin, wohin du als Nächstes schaust.
Möglich ist das Abdecken, weil zwischen der Sonne und der Stelle, die du liest, auch im September noch Platz ist. Weniger als im Sommer, aber genug für eine Kante. Wie viel dein Helm abdeckt, bestimmen seine Form und dein Gesicht. Wer einen Endurohelm mit Schirm fährt, ist hier ausnahmsweise im Vorteil, zumindest bei Landstraßentempo.
Zwei Grenzen hat der Trick. Gegen den Glanz einer nassen Fahrbahn hilft keine Kante über den Augen. Und kurz vor Sonnenuntergang liegt die Sonne so tief, dass sie mit der Straße auf einer Höhe steht. Dann gibt es keinen Spalt mehr, in den eine Kante passt, und entschärfen kannst du die Sonne nur noch über das Tempo.
Nach einem Schauer bekommt die tiefstehende Sonne Verstärkung von unten. Nasser Asphalt wirft ihr Licht zurück, statt es zu streuen, und zwar ungefähr unter demselben Winkel, unter dem es hereinkommt. Die Fahrbahn wird zum Spiegel. Zu einem schlechten, aber zu einem Spiegel.
Die Sonnenhöhe bestimmt, wo der hellste Fleck liegt. Im Juni lag er morgens um acht und abends um sechs kurz vor dem Vorderrad, weit unter deinem Blick. Jetzt im September wandert er nach vorn: Zu denselben Uhrzeiten liegt er sieben bis zwölf Meter vor dir, und je tiefer die Sonne sinkt, desto weiter rückt er hinaus. Auf dieser Strecke liegt, was du in der nächsten Sekunde überfährst.
Weil nasser Asphalt kein glatter Spiegel ist, bleibt es nicht bei dem einen Fleck. Von dort zieht sich ein glitzernder Streifen die Straße hinauf bis zur Sonne. Die Fahrbahn, die du lesen willst, leuchtet dann auf ihrer ganzen Länge.
Zwei Bedingungen gehören dazu. Die Sonne muss vor dir stehen, und die Straße muss nass sein. Mit der Sonne im Rücken entsteht kein Spiegelfleck in deiner Blickrichtung. Und trockener Asphalt wird im Gegenlicht zwar auch hell, verteilt das Licht aber breit, statt es gebündelt zurückzuschicken.
Dieselbe Strecke sieht deshalb am selben Abend vor und nach dem Schauer ganz verschieden aus. Vorher ist sie unangenehm. Danach siehst du auf einem Stück davon kaum noch etwas.
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„Getöntes Visier drauf, fertig.“ Der Griff zur Tönung ist verständlich. Ein getöntes Visier oder die Sonnenblende im Helm nimmt der Sonne die Wucht, du kneifst die Augen nicht mehr zusammen, und das ist schon etwas wert.
Nur arbeitet eine Tönung gleichmäßig. Sie dämpft die Sonne, den Glanz auf der Straße und die Straße selbst um denselben Anteil. Alles wird dunkler, aber das Verhältnis zwischen dem Hellen und dem, was du darin erkennen willst, bleibt, wie es war. Auch der Schleier im Auge wird schwächer, weil weniger Licht hineinkommt, nur wird der Radfahrer darunter im selben Maß dunkler.
Was im Schleier verschwunden ist, bleibt deshalb auch hinter der Tönung verschwunden. Sie macht die Blendung angenehmer. Aus dem Gegenlicht zurückholen kann sie dir nichts.
Eine polarisierte Sonnenbrille unter dem Helm kann etwas mehr: Vom Glanz auf der nassen Straße nimmt sie einen größeren Teil weg als eine gewöhnliche Tönung. Bei so tiefer Sonne ist dieser Glanz allerdings nur zum Teil polarisiert, und gegen die Sonne selbst hilft sie nicht mehr als jedes andere dunkle Glas. Am Motorrad hat sie dazu ihre eigenen Haken, bis hin zum schwarzen Display.
Jede Tönung hat außerdem eine Kehrseite, die im Herbst öfter drankommt als im Sommer. Die Straße wechselt ständig zwischen Sonne und Schatten, und im Schatten ist die Fahrbahn ohnehin das Dunkelste im Bild. Dort nimmt dir die Tönung Licht, das du brauchst, und nach Sonnenuntergang hat sie vor deinen Augen gar nichts mehr verloren. Die Sonnenblende im Helm ist hier im Vorteil, weil sie mit einem Handgriff wieder oben ist.
Ein zerkratztes Visier setzt noch einen drauf. Bei Gegenlicht leuchtet jeder Kratzer auf, den die Sonne trifft, und der Schleier entsteht dann schon vor dem Auge.
Fährst du hinter jemandem her in die Sonne, hast du zwei Probleme statt eines. Das erste leuchtet rot und verliert: Das Bremslicht muss gegen die hellste Stelle am Himmel an. Ob der Wagen vor dir langsamer wird, merkst du dann erst daran, dass er näher kommt.
Das zweite sitzt hinter seiner Scheibe. Der Fahrer da vorn sieht trotz seiner Blende kaum mehr als du, womöglich sogar weniger, wenn seine Scheibe innen den Schmierfilm eines ganzen Sommers trägt. Wer nichts sieht, tritt auf die Bremse, oft ohne erkennbaren Grund und ohne jede Vorwarnung.
In den Minuten, in denen ihr beide in die Sonne fahrt, ist dein gewohnter Abstand deshalb zu knapp. Lass ihn wachsen, bevor die Straße in die Sonne dreht, nicht erst, wenn es so weit ist. Er ist in diesen Minuten die einzige Reserve, die dir niemand wegblenden kann.
Irgendwann richtet keine Kante und keine Tönung mehr etwas aus. Die Straße dreht in die Sonne, und vorn ist nur noch Licht. Auf kurviger Strecke dauert das meist nur zwei, drei Sekunden, bis sie weiterdreht oder ein Baum die Sonne nimmt.
Am Pass kommt dieser Moment im Takt der Kehren. Auf dem einen Stück fährst du in die Sonne, nach der nächsten Kehre hast du sie im Rücken, und dazwischen liegt oft der Schatten des Hangs. Auf vielen Pässen ist das die ganz normale Abendfahrt.
In diesen Sekunden fährst du auf das Bild zu, das du davor gesehen hast. Was seitdem auf die Straße gekommen ist, weißt du nicht. Wer den Knick kennt, hinter dem die Sonne wartet, ist deshalb schon langsamer, wenn es hell wird.
Gegen das Licht verlieren vor allem die Kleinen und die Langsamen. Der Fußgänger am Ortsrand, der Radfahrer, der Traktor, der vom Feldweg auf die Straße zieht: Im Gegenlicht haben sie keine Farbe und keine Einzelheiten mehr, höchstens einen Umriss. Steht die Sonne knapp über ihnen, fehlen sie oft ganz.
Sicherheitshinweis: Blendet dich die Sonne, geh vom Gas und bremse gefühlvoll, bleib auf deiner Linie und lass den Abstand zum Vordermann wachsen. Siehst du gar nichts mehr, verzögerst du weiter, bis du wieder Einzelheiten erkennst. Eine Vollbremsung und ein Ausweichen auf Verdacht sparst du dir für das, was du tatsächlich siehst.
Behältst du dein Tempo bei, bis ein Hindernis auftaucht, reagierst du zu spät, denn im Gegenlicht siehst du es erst kurz davor. Bei 70 km/h legst du in einer Sekunde fast 20 Meter zurück. Taucht auf dieser Strecke etwa ein abbiegendes Auto oder ein Radfahrer auf, schützt dich auf dem Motorrad nur, was du am Körper trägst. Bremst du dagegen hart ins Weiße, sieht der Verkehr hinter dir dein Bremslicht womöglich zu spät, weil er in dieselbe Sonne schaut.
Jetzt die Gegenrichtung, die viele unterschätzen. Mit der Sonne im Rücken liegt alles vor dir im vollen Licht: Nichts blendet, die nasse Straße glänzt nicht, die Farben stimmen. Besser siehst du den ganzen Tag nicht. Genau dann bist du für alle, die dir entgegenkommen, am schlechtesten zu sehen.
Der Gegenverkehr schaut in diesem Moment in dieselbe Sonne, vor der du fährst. Für ihn bist du ein schmaler Umriss knapp unter der hellsten Stelle am Himmel, und dein Scheinwerfer ist gegen diese Sonne ein Teelicht. Ein Auto ist breit genug, um trotzdem aufzufallen. Ein Motorrad ist es oft nicht.
Am gefährlichsten wird das dort, wo jemand deinen Weg kreuzt: beim Linksabbieger aus der Gegenrichtung und beim Wagen, der an der Einmündung auf deine Straße will. Beide schauen dir entgegen und damit in die Sonne. An Kreuzungen verschätzen sich Autofahrer häufig bei Tempo und Abstand eines Motorrads. Beim Blick gegen die tiefe Sonne kommt es dazu oft gar nicht erst, weil sie dich überhaupt nicht sehen.
Ganz los wirst du die Sonne auch in dieser Richtung nicht. Deine Spiegel zeigen nach hinten, also dorthin, wo sie jetzt steht. Der Blick in den Spiegel vor dem Überholen kann dir die Sonne für einen Moment direkt ins Auge holen, und danach dauert es einen Augenblick, bis vorn wieder alles da ist. Halt diesen Blick kurz, gerade lang genug für den Verkehr hinter dir.
Wenn die tiefstehende Sonne hinter dir steht, fahr deshalb so, als gäbe es dich für den Gegenverkehr nicht. Nimm vor jeder Einmündung Tempo raus und leg zwei Finger an den Bremshebel. Verlass dich auf keinen Blickkontakt, denn den gönnt dir eine sonnenbeschienene Autoscheibe ohnehin nicht. Das Licht, das dir alles zeigt, versteckt dich vor denen, die dir entgegenkommen.
Das Gute an der tiefen Sonne: Sie ist kein Wetter. Sie kommt nicht überraschend, sie steht jeden Tag zur selben Uhrzeit fast an derselben Stelle. Um diese Jahreszeit geht sie jeden Abend rund zwei Minuten früher unter als am Vortag.
Damit lässt sich planen. Auf deinem Arbeitsweg und auf deiner Feierabendrunde gibt es zwei, drei Stellen, an denen die Straße in diesen Wochen genau in die Sonne dreht: hinter einer Kuppe, am Ende eines Waldstücks, am Ortsausgang Richtung Westen. Du fährst sie seit Jahren. Du hast dort nur nie auf die Uhr geschaut.
Zwanzig Minuten früher oder später schieben die Blendung auf ein anderes Stück Straße oder lassen sie ganz ausfallen. Eine Parallelstrecke, die anders verläuft, entschärft manchmal den ganzen Heimweg.
Fahr deine Strecke diese Woche einmal mit einem Auge für die Sonne. Merk dir, wo sie dich erwischt und um welche Uhrzeit. Dann ist die Stelle, an der vorn alles weiß wird, keine Überraschung mehr, sondern die Stelle, an der du längst vom Gas bist.
Warum blendet die Sonne im Herbst stärker als im Sommer?
Weil die tiefstehende Sonne näher an der Stelle steht, auf die du beim Fahren schaust. Heller wird sie dabei nicht. Das Streulicht im Auge, das sich als Schleier über das Bild legt, wird aber umso dichter, je näher die Lichtquelle an der Blickrichtung liegt. Ende September steht die Sonne zu den typischen Pendelzeiten nur noch etwa eine Faustbreit über dem Horizont, gemessen am ausgestreckten Arm.
Hilft ein getöntes Visier gegen die tiefe Herbstsonne?
Es macht die Blendung erträglicher, weil du die Augen nicht mehr zusammenkneifen musst. Mehr erkennen lässt es dich nicht: Die Tönung dämpft die Sonne und die Straße gleich stark, das Verhältnis zwischen beiden bleibt. In schattigen Abschnitten und nach Sonnenuntergang kostet sie dich sogar Sicht, deshalb ist eine Sonnenblende, die du mit einem Handgriff hochschiebst, im Herbst praktischer.
Warum blendet eine nasse Straße bei tiefer Sonne so stark?
Nasser Asphalt wirft das Sonnenlicht zurück wie ein Spiegel, statt es zu streuen. Bei hoher Sommersonne landet der Glanz fast unter dem Vorderrad. Steht die Sonne tief, rückt er einige Meter nach vorn und zieht sich als heller Streifen die Fahrbahn entlang, mitten durch den Bereich, den du im Blick haben musst. Das gilt nur, wenn die Sonne vor dir steht.
Was mache ich, wenn mich die Sonne auf dem Motorrad plötzlich blendet?
Zuerst das Tempo: vom Gas gehen, gefühlvoll bremsen und den Abstand nach vorn wachsen lassen, ohne die Linie zu verlassen. Dann den Kopf: Kinn leicht senken, bis die Oberkante des Visierausschnitts die Sonne verdeckt. Siehst du trotzdem nichts, verzögerst du weiter, bis das Bild zurückkommt. Eine Vollbremsung oder ein Ausweichen auf Verdacht ist in diesen Sekunden die falsche Antwort.
Sieht mich der Gegenverkehr, wenn ich die Sonne im Rücken habe?
Oft deutlich schlechter als sonst. Wer dir entgegenkommt oder an einer Einmündung wartet, schaut in dieselbe Sonne, vor der du fährst, und ein Motorrad ist davor nur ein schmaler dunkler Umriss. Auch dein Scheinwerfer kommt dagegen nicht an. Rechne in dieser Lage damit, dass Linksabbieger und Wartende dich nicht bemerkt haben.
Zu welcher Uhrzeit blendet die Sonne im Herbst am meisten?
Morgens und abends, solange sie knapp über dem Horizont steht. Ende September ist das morgens bis etwa neun Uhr und abends ab etwa sechs Uhr. Betroffen sind die Abschnitte deiner Strecke, die morgens nach Osten und abends nach Westen führen.
Warum sehe ich das Bremslicht vor mir bei Gegenlicht so schlecht?
Weil es gegen die hellste Stelle am Himmel anleuchten muss und dabei untergeht. Dazu kommt, dass der Fahrer vor dir in dieselbe Sonne schaut und womöglich ohne erkennbaren Grund bremst. Mehr Abstand, bevor die Straße in die Sonne dreht, ist in dieser Lage die einfachste Reserve.
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