
Du hast genau die 2,6 Liter eingefüllt, die Yamaha für die Tracer 700 mit neuer Filterpatrone verlangt, den Deckel zugedreht und ins Schauglas geschaut: Der Pegel steht ordentlich hoch. Dann läuft der Motor draußen ein paar Minuten im Leerlauf, du stellst ab, wartest und schaust noch einmal. Jetzt steht das Öl tiefer als eben, und unter der Maschine ist alles trocken.
Das Öl ist noch da. Der Ölstand nach dem Ölwechsel ändert sich beim ersten Motorlauf, weil sich das frische Öl erst im Motor verteilt. Ein Teil davon bleibt dort, wo du nicht hinsiehst. Deshalb endet der Ölwechsel in Yamahas Anleitung nicht mit dem Einfüllen, sondern mit einem Probelauf und einer zweiten Kontrolle.
Wie groß der Effekt ist, zeigen die Füllmengen im Handbuch, wenn du sie nebeneinanderlegst. Honda nennt für die CB650R drei Werte: 2,3 Liter nach dem Ablassen, 2,6 Liter nach dem Ablassen mit neuem Ölfilter und 3,0 Liter nach dem Zerlegen des Motors. Für die Tracer 700 nennt Yamaha dieselben ersten beiden Werte.
Zwischen 2,3 und 2,6 liegt der Filter. Rund drei Zehntelliter nimmt er beim Wechsel mit, und ungefähr so viel füllt die Ölpumpe beim ersten Start wieder in die neue Patrone. Solange der Motor nicht gelaufen ist, steht dieses Öl noch in der Wanne und hebt den Pegel im Schauglas oder am Messstab.
Die zweite Differenz zeigt etwas anderes. Zwischen 2,6 und 3,0 Litern liegt, was beim Ablassen gar nicht herauskommt: Öl in Kanälen und im Zylinderkopf, an Kupplung und Getriebe, in Ecken des Gehäuses. Der Motor ist also nicht leer, wenn du frisches Öl einfüllst, und diese Stellen brauchen beim ersten Lauf kaum Nachschub. Was dabei aus der Wanne verschwindet, dürfte deshalb zum größten Teil im Filter landen.
Was drei Zehntelliter an der Anzeige ausmachen, hängt von der Form der Ölwanne ab. Die Anleitungen von CB650R und Tracer 700 nennen dafür keinen Wert. BMW nennt dagegen die Größe der Skala: Bei der R 1250 GS liegen zwischen MIN und MAX 0,8 Liter, bei der R 1300 GS 0,75 Liter. Wie viel der Filter einer GS fasst, steht dort nicht. Als Größenordnung taugt der Vergleich trotzdem: Auf einer Skala dieser Größe wären drei Zehntelliter mehr als ein Drittel.
Hast du die neue Patrone vor dem Einbau mit Öl gefüllt, fällt der Sprung kleiner aus. Ganz voll bekommst du sie am Motorrad aber selten, weil sie meist schräg oder waagerecht vorn am Motor sitzt. Vorgeschrieben ist das Vorfüllen in Yamahas Anleitung ohnehin nicht, dort sollst du nur den O-Ring der neuen Patrone mit sauberem Motoröl benetzen.
Für den Ölstand nach dem Ölwechsel gibt es damit zwei Momente, in denen jede Messung danebenliegt. Der erste kommt vor dem Start. Der Filter ist leer, und alles, was du eingefüllt hast, steht in der Wanne. Füllst du jetzt nach dem Schauglas auf statt nach der Füllmenge, fehlen dir nach dem ersten Lauf ein paar Zehntelliter.
Der zweite kommt direkt nach dem Abstellen. Das Öl ist gerade durch Filter, Kanäle und Zylinderkopf gepumpt worden und läuft erst langsam zurück. In diesem Moment zeigt das Fenster zu wenig, und kippst du dann nach, hast du ein paar Minuten später zu viel im Motor.
Richtig liegt nur der Zeitpunkt dazwischen: Motor gelaufen, abgestellt, gewartet. Dazu kommt die Lage der Maschine. In der Tracer-700-Anleitung schreibt Yamaha, dass schon eine geringe Neigung zur Seite das Messergebnis verfälschen kann. Auf dem Seitenständer abgelesen, sagt das Schauglas also wenig.
Die Füllmenge aus dem Handbuch ist dabei dein Startpunkt, nicht das Ergebnis. Eine Maschine, die beim Ablassen schief stand und Altöl in der Wanne behielt, ein Messbecher, der nur ungefähr misst, ein Rest, der in der Flasche bleibt: Kleine Abweichungen kommen beim Einfüllen schnell zusammen. Erst der zweite Blick zeigt, ob die Summe stimmt.
Wie lange der Motor vorher läuft und wie lange du danach wartest, legt jeder Hersteller selbst fest. BMW hat es von einer GS-Generation zur nächsten sogar geändert.
Yamaha verlangt bei der Tracer 700 nach dem Einfüllen einige Minuten Leerlauf, und dabei achtest du auf Öllecks. Danach heißt es: Motor aus, einige Minuten warten, damit sich das Öl für eine genaue Messung setzen kann, dann prüfen und bei Bedarf korrigieren. Den Stand liest du am Schauglas links unten am Kurbelgehäuse ab.
Honda beschreibt für die CB650R eine eigene Reihenfolge. Ist der Motor kalt, läuft er zunächst drei bis fünf Minuten im Stand, dann stellst du ab und wartest zwei bis drei Minuten. Die Maschine steht dabei aufrecht auf festem, ebenem Grund, und den Messstab im Öleinfülldeckel steckst du nur ein, ohne ihn einzuschrauben.
Bei BMW verlangt die Anleitung der R 1250 GS von 06.2020 einen betriebswarmen Motor, der im Leerlauf läuft, bis der Lüfter anspringt. Danach wartest du fünf Minuten, und die Maschine steht dabei auf dem Kippständer, wie BMW den Hauptständer dort nennt.
Für die R 1300 GS steht in der Anleitung von 02.2023 etwas anderes. Auch hier läuft der warme Motor, bis der Lüfter anspringt, dann hältst du die Maschine mindestens 20 Sekunden bei laufendem Motor senkrecht, stellst ab und wartest eine Minute. Beim Ablesen bleibt sie senkrecht in Fahrlage, ausdrücklich nicht auf Haupt- oder Montageständer, am besten mit einer zweiten Person, damit nichts kippt.
Einige Minuten, zwei bis drei, fünf, eine: Gültig ist die Anzeige nur in dem Zustand, den die Anleitung deiner Maschine beschreibt. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Der ganze Ablauf in sechs Schritten. Zeiten und Lage der Maschine holst du dir aus deinem Handbuch:
Der Ablauf kostet ein paar Minuten mehr als Einfüllen und Losfahren. Dafür kennst du am Ende den Stand im Motor und nicht nur den Inhalt der Flasche.
Sicherheitshinweis: Lass den Motor für den Probelauf und die Ölkontrolle ausschließlich draußen laufen, also nicht in der Garage, auch nicht bei offenem Tor. Stell die Maschine so, dass kein Abgas durch Fenster oder Türen ins Haus zieht. Hände und Ärmel bleiben vom Krümmer weg, wenn du nach Tropfen schaust, und verschüttetes Öl wischst du sofort ab.
Abgas enthält Kohlenmonoxid, ein Gas ohne Farbe und Geruch. Yamaha warnt in seinen Anleitungen ausdrücklich, dass die Konzentration in Garagen, Schuppen und Carports auch bei offenen Fenstern und Türen schnell gefährlich wird. Am Krümmer holst du dir schon nach wenigen Minuten Leerlauf bei der kleinsten Berührung eine Brandwunde. Öl auf dem Reifen kostet Grip, und auf dem heißen Krümmer fängt es an zu qualmen.
Zeigt der zweite Blick zu wenig, zählt ab jetzt nur noch die Anzeige. Honda schreibt für die CB650R vor, Öl bis zur oberen Marke nachzufüllen und nicht darüber. Zu viel oder zu wenig Öl kann laut Honda den Motor beschädigen.
Konkrete Mengen nennt BMW für die beiden GS-Generationen. Bei der R 1250 GS sind höchstens 0,8 Liter nachzufüllen, genau der Abstand zwischen MIN und MAX. Bei der R 1300 GS ist es höchstens ein halber Liter, wenn der Pegel unterhalb von MIN liegt, danach misst du neu. Das ist weniger als die 0,75 Liter zwischen den Marken: Liegt der Pegel knapp unter MIN, bleibst du mit diesem halben Liter sicher unter MAX.
Zu hoch heißt bei der R 1250 GS über MAX, bei der R 1300 GS bis an den oberen Rand des Fensters. Dann gehört die Korrektur in die Fachwerkstatt.
Nachgefülltes Öl braucht einen Moment, bis es unten angekommen ist. An vielen Maschinen läuft es erst über Kupplung und Getriebe. Und es hat noch nicht die Temperatur des übrigen Öls. Lass den Motor deshalb nach jeder Korrektur noch einmal kurz laufen, stell ab, warte und lies erneut ab. Erst wenn zwei Messungen hintereinander dasselbe zeigen, stimmt der Ölstand nach dem Ölwechsel.
Mit dem zweiten Blick ist die Füllmenge geklärt. Einen dritten gönnst du dir nach der ersten richtigen Fahrt. BMW empfiehlt in den Anleitungen beider GS-Generationen, das Öl gelegentlich nach einer Fahrt von mindestens 50 Kilometern zu prüfen. Im selben Kapitel steht, dass der Ölstand von der Temperatur abhängt. Die Anleitung der R 1300 GS ergänzt: je höher die Temperatur, desto höher der Stand.
Nach ein paar Minuten Leerlauf in der Einfahrt ist das Öl lauwarm, nach einer Ausfahrt ist es richtig warm. In welchem Zustand du misst, legt der Hersteller fest, und nur so lässt sich eine Messung mit der vom letzten Mal vergleichen.
Die Ausfahrt ist auch der erste echte Test für Ablassschraube und Filter, denn beide haben dann einmal Hitze und Abkühlung hinter sich. Ein Tropfen, der nach dem Probelauf noch fehlte, kann sich erst am nächsten Tag zeigen, und die Pappe darf ruhig über Nacht liegen bleiben. Zeigt die Messung nach Vorgabe dann einen Stand zwischen den Marken, und ist unter der Maschine alles trocken, ist die Arbeit erledigt.
Der Stand, den du jetzt abliest, ist zugleich dein Ausgangswert. Merk dir, wo das Öl zwischen den Marken steht, oder mach ein Foto vom Schauglas. Steht es in ein paar Wochen unter denselben Bedingungen tiefer, verbraucht oder verliert der Motor tatsächlich Öl.
Fehlt Öl, wenn der Stand nach dem Ölwechsel sinkt?
Sinkt der Stand nach dem Ölwechsel, fehlt meist kein Öl. Beim ersten Start füllt die Ölpumpe den neuen Filter und verteilt das frische Öl im Motor. Bei Maschinen wie der CB650R von Honda oder Yamahas Tracer 700 macht der Filterwechsel nach den Füllmengen im Handbuch rund 0,3 Liter aus. Dieses Öl steht danach nicht mehr in der Wanne, ohne dass etwas undicht ist.
Wie lange muss der Motor nach dem Ölwechsel laufen, bevor ich messe?
Yamaha lässt den Motor nach dem Wechsel einige Minuten im Leerlauf drehen, Honda einen kalten Motor drei bis fünf Minuten, BMW bei den GS-Modellen so lange, bis der Lüfter anspringt. Der Motor läuft dabei im Freien, und du achtest auf Tropfen an Ablassschraube und Filter. Welche Dauer und welcher Zustand für deine Maschine gelten, steht in ihrem Handbuch.
Wie lange nach dem Abstellen warten, bevor ich ablese?
Die Wartezeit nach dem Abstellen reicht von einer Minute bei der BMW R 1300 GS über zwei bis drei Minuten bei der Honda CB650R bis zu fünf Minuten bei der R 1250 GS. Yamaha schreibt „einige Minuten“. Misst du früher, steht noch Öl im Zylinderkopf, und die Anzeige ist zu niedrig.
Muss ich den neuen Ölfilter vor dem Einbau mit Öl füllen?
Das Vorfüllen verlangt Yamaha für die Tracer 700 nicht, dort soll nur der Gummiring der neuen Patrone eingeölt werden. Füllst du den Filter trotzdem vor, fällt der Unterschied nach dem ersten Lauf kleiner aus. Ganz verschwindet er selten, weil die Patrone am Motorrad meist schräg sitzt und sich kaum randvoll einbauen lässt. Den Stand liest du in beiden Fällen erst nach Probelauf und Wartezeit ab.
Was mache ich, wenn nach dem Ölwechsel zu viel Öl drin ist?
Zu viel Öl kann den Motor schädigen, davor warnt etwa Honda im Handbuch der CB650R. Bei der BMW R 1250 GS wie bei der R 1300 GS gehört die Korrektur laut Anleitung in eine Fachwerkstatt. Wo dein Handbuch nichts anderes vorgibt, kannst du den Überschuss mit einer Absaugpumpe über die Einfüllöffnung abziehen, sofern ihr Schlauch bis ins Öl reicht. Über die Ablassschraube lässt sich eine kleine Menge kaum dosieren, und warmes Öl verbrüht dabei leicht die Finger.
0 Stimmen: 0× Daumen hoch, 0× Daumen runter (0 Punkte)






