
Ein Samstag im Juli, oben am Timmelsjoch. Auf dem Parkplatz stehen die großen Reiseenduros Koffer an Koffer, und wer auf die Zylinder achtet, die links und rechts unter den Tanks herausragen, hat schnell ein Gefühl: jede zweite eine GS.
Gezählt sieht es anders aus und gibt dem Gefühl trotzdem recht. 2025 wurden in Deutschland 8.097 R 1300 GS neu zugelassen, mehr als von jedem anderen Modell. Das ist rund jedes zwölfte Motorrad, wenn du Roller und Leichtkrafträder nicht mitzählst. Wie aus einer einzigen Baureihe ein „GS-Land“ wird, erklären Zahlen, eine Rechnung von 1980 und zwei Reiseserien im Fernsehen.
Der Industrie-Verband Motorrad listet jedes Jahr die 50 Modelle, die in Deutschland am häufigsten neu zugelassen wurden. In jeder seiner Jahreslisten seit 2019 steht ein Boxer mit dem Kürzel GS ganz oben: bis 2023 die R 1250 GS, ab 2024 ihre Nachfolgerin R 1300 GS. Weiter zurück haben wir nicht nachgezählt.
Die Stückzahlen schwanken, Platz eins bleibt. 2019 kam die R 1250 GS auf 9.417 Maschinen, gut zweieinhalbmal so viele wie die Yamaha MT-07 auf Platz zwei. 2025 kam die Kawasaki Z 900 als Nummer zwei auf 4.536 Maschinen, gut die Hälfte der GS-Zahl. Bis Ende August 2026 steht die GS mit 5.125 Maschinen erneut vorn, mit einem Marktanteil von knapp 5,6 Prozent. Im Gesamtjahr 2025 waren es knapp 8,3.
Bei den Marken lag BMW 2025 mit 21.336 neu zugelassenen Motorrädern vor Honda mit 19.571. Fast vier von zehn dieser BMW waren eine R 1300 GS, nach unserer Rechnung. Und auch gebraucht wechselte 2023 kein Kraftrad so oft den Halter wie die R 1200 GS, die Vorgängerin der R 1250 GS. Die stärkste Marke im Bestand, also unter allen Maschinen, die schon auf der Straße sind, war im selben Jahr Honda.
Ein Land der Reiseenduros ist Deutschland trotzdem nur zum Teil. In der Auswertung des Verbands nach Klassen, die alle neuen Motorräder und Roller umfasst, liegen 2025 die Naked Bikes vorn, mit knapp 31 Prozent. Die Adventure-Klasse folgt mit gut 17 Prozent. In den Monaten Januar bis August 2026 kommen die beiden auf gut 26 und gut 16 Prozent. Am Pass zählst du also vor allem die Reisenden, nicht den ganzen Markt.
Auch in ihrer eigenen Klasse fährt die GS nicht allein. Unter den 20 häufigsten Modellen der ersten acht Monate 2026 stehen Reiseenduros anderer Marken. Die Yamaha Ténéré 700 liegt auf Platz acht, dahinter folgen die CF Moto 450 MT auf elf, die Honda Africa Twin auf zwölf und die Honda Transalp auf 15. Von BMW stehen dort außerdem F 900 GS und F 800 GS.
Im September 1980 stellte BMW in Avignon die R 80 G/S vor, „G“ für Gelände, „S“ für Straße. In einer Presseinformation zum 25. Geburtstag der GS beschreibt BMW, was hinter dem Namen stand. Demnach hatte eine Untersuchung des Enduromarkts ergeben, dass nur zwei Prozent der Kilometer im schweren Gelände gefahren wurden, der Rest auf Straßen, unbefestigten Wegen und schmalen Pfaden.
Japanische Hersteller hatten zu der Zeit schon gezeigt, dass Enduros auch Straßenfahrern gefallen, vor allem in den USA. BMW wollte daraus eine Maschine machen, die im Gelände taugt und auf langen Touren über die Straße schnell und bequem bleibt.
Bis Ende 1981 liefen nach BMW-Angaben 6.631 G/S in Berlin vom Band, gut doppelt so viele wie ursprünglich geplant, und jede fünfte verkaufte BMW war damals eine G/S. Seit 2025 erinnert die R 12 G/S mit Stil und Schrägstrich an die erste.
Von der R 80 G/S bis zur R 1300 GS haben alle großen GS zwei Dinge gemeinsam: den Boxermotor und den Kardan statt einer Kette. Die Zylinder des Boxers liegen links und rechts quer im Fahrtwind. 1987 kam mit R 80 GS und R 100 GS die Paralever-Schwinge dazu. Sie hält klein, was ein Kardan sonst mit dem Heck macht: Beim Gasgeben hebt es sich, beim Gaswegnehmen sinkt es. Mit diesen beiden Modellen verschwand auch der Schrägstrich aus dem Namen.
Sechs Jahre später, im September 1993, zeigte BMW auf der IAA die R 1100 GS. Sie trug vorn den Telelever, eine Teleskopgabel mit zusätzlichem Längslenker, und bekam als Sonderausstattung ein ABS, laut Presseinformation ein Novum in der Enduroklasse. Die R 1300 GS bremst laut ihrer Anleitung von 2023 mit einer Vollintegralbremse: Hand- und Fußbremse wirken jeweils auf beide Räder. Der Telelever heißt an ihr EVO-Telelever.
Wartungsfrei ist auch ein Kardan nicht. Im Wartungsplan der R 1300 GS stehen eigene Punkte dafür, vom Ölwechsel im Winkelgetriebe hinten über Sichtkontrolle und Schmieren der Kardanwelle bis zu ihrem Ersatz. Kettenspray und Kettenspannen fallen weg, und auf einer langen Reise ist das eine Sorge weniger.
Den Stoff für die Reise im Kopf lieferte das Fernsehen. 2004 fuhren Ewan McGregor und Charley Boorman für Long Way Round auf BMW R 1150 GS Adventure von London ostwärts bis New York, mit einem Flug nach Alaska dazwischen. 2007 folgte Long Way Down bis Kapstadt, diesmal auf der R 1200 GS Adventure.
Zu sehen waren Flüsse ohne Brücken und die sibirische „Knochenstraße“, also genau die zwei Prozent, die in der Rechnung von 1980 als seltener Fall galten. So erzählt die große Reiseenduro zwei Geschichten auf einmal: die von den 98 Prozent auf Straßen und Wegen und die von den zwei Prozent, die du dir vorstellst.
Ob jemand eine GS für den Arbeitsweg kauft oder für die Mongolei, steht in keiner Statistik. Wahrscheinlich für beides, und genau für diese Mischung wurde 1980 die erste G/S erdacht.
BMW baut seit 1969 Motorräder in Berlin-Spandau. Auf der Seite des Werks steht der Tank der R 1300 GS als Beispiel für ein Teil, das dort ein Schweißroboter aus mehreren Einzelteilen fertigt. Rund 80 Prozent der Motorräder aus Berlin gehen nach Werksangaben in den Export, in mehr als 130 Länder.
Ein rein deutsches Phänomen ist die GS also nicht. Was sie hier so sichtbar macht, ist eher die Menge. Je mehr Maschinen eines Modells unterwegs sind, desto leichter findest du Zubehör, eine Werkstatt, die sie kennt, und am Ende einen Käufer. Das dürfte weitere Interessenten anziehen, und so wird aus einer Bestsellerliste ein Kürzel für ein ganzes Land.
Oben am Timmelsjoch steht dann eine Ténéré zwischen zwei GS, daneben eine Africa Twin mit Alukoffern. Eine nach der anderen springt an, und alle vier rollen auf Asphalt hinunter ins Passeiertal.
Welches Motorrad wird in Deutschland am häufigsten neu zugelassen?
Neu zugelassen wird in Deutschland kein Motorrad so oft wie die BMW R 1300 GS: 8.097 Stück im Jahr 2025 und 5.125 zwischen Januar und August 2026. Davor lag von 2019 bis 2023 jedes Jahr ihre Vorgängerin R 1250 GS vorn.
Wofür steht das GS im Namen?
GS steht für Gelände und Straße, so löst BMW das Kürzel der ersten G/S auf, der R 80 G/S aus dem Jahr 1980. Bei den Nachfolgern von 1987 fiel der Schrägstrich weg, Retro-Modelle wie die neue R 12 G/S tragen ihn wieder.
Wie viel Gelände steckt im Konzept der GS?
Gelände war im Konzept der GS von Anfang an der kleinere Teil. Laut BMW legten Enduros damals nur zwei Prozent ihrer Kilometer im schweren Gelände zurück und 98 Prozent auf Straßen, Wegen und Pfaden. Für genau diese Mischung wurde die G/S gebaut.
Welche Reiseenduros sind neben der GS beliebt?
Beliebt sind unter den Reiseenduros 2026 neben der R 1300 GS vor allem Yamaha Ténéré 700, CF Moto 450 MT, Honda Africa Twin und Honda Transalp. Alle vier gehören bis August zu den 20 häufigsten Modellen, und von BMW kommen F 900 GS und F 800 GS dazu.
Wo wird die BMW R 1300 GS gebaut?
Gebaut wird die R 1300 GS im BMW-Werk Berlin-Spandau, wo seit 1969 Motorräder entstehen. Für Märkte in Asien montiert BMW Boxer-GS zusätzlich im thailändischen Rayong.
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