Auf dem Ständer, Motor an, und das Hinterrad dreht im Leerlauf einfach mit

Die Maschine steht auf dem Montageständer, du hast sie angelassen, die grüne Lampe im Cockpit zeigt den Leerlauf. Und das Hinterrad dreht sich. Langsam und gleichmäßig, als würde es jemand sachte anschieben.

Das allein heißt nicht, dass die Kupplung hin ist oder im Getriebe ein Gang halb drin hängt. Das Hinterrad dreht im Leerlauf mit, weil das Öl im Getriebe es antreibt, und bei vielen Maschinen ist das ganz normal. Heikel wird es an einer anderen Stelle, nämlich dort, wo du jetzt vielleicht gern mit dem Lappen hinlangen würdest.

Wer dreht das Hinterrad im Leerlauf?

Ein Motorradgetriebe hat in aller Regel zwei Wellen, und seine Zahnräder greifen ständig ineinander, auch im Leerlauf. Die Eingangswelle bekommt ihre Drehung über die Kupplung vom Motor. Die Ausgangswelle gibt die Drehung nach hinten weiter, meist über das Ritzel an die Kette, bei manchen Maschinen an einen Riemen oder eine Kardanwelle. Welcher Gang läuft, hängt davon ab, welches Zahnrad gerade mit seiner Welle gekuppelt ist.

Auf den Wellen sitzen dafür zwei Sorten Zahnräder. Die einen sind fest mit ihrer Welle verbunden und drehen immer mit. Die anderen sitzen lose darauf, Losräder heißen sie, und laufen frei um die Welle herum, bis beim Schalten eine Klaue sie mit ihr kuppelt.

Im Leerlauf ist kein einziges Losrad gekuppelt. Die Eingangswelle dreht mit dem Motor, ihre festen Zahnräder treiben die Losräder auf der Ausgangswelle an, und die kreisen um eine Welle, mit der sie nicht verbunden sind. Dazwischen liegt nur eine Lagerstelle mit einem dünnen Film aus Öl.

Und dieser Film ist der Antrieb für dein Hinterrad. Öl ist zäh, es haftet an beiden Flächen, und wenn die eine dreht, zieht sie die andere ein Stück mit. Dasselbe passiert an den Stellen, an denen die Eingangswelle in ihren eigenen Losrädern dreht, und die greifen in feste Räder der Ausgangswelle. Alles zusammen ergibt ein kleines Drehmoment an der Ausgangswelle, in Fahrtrichtung.

Klein heißt: Ein Motorrad auf der Straße bewegt das nicht. Ein Hinterrad, das frei auf dem Ständer hängt, dagegen schon. Da hält nur ein bisschen Reibung an Kette, Lagern und Bremse dagegen, und die ist schnell überwunden.

Morgens dreht es schneller

Am stärksten fällt das an einem kühlen Morgen auf. Beim Motorrad schmiert in aller Regel dasselbe Öl Motor, Getriebe und Nasskupplung zugleich, und kaltes Öl ist um ein Vielfaches zäher als betriebswarmes. Ein zäherer Film nimmt mehr mit.

Auch die Drehzahl spielt mit. Kalt läuft ein moderner Motor im Leerlauf höher, bis er warm ist. Die Eingangswelle dreht dann schneller, und die Losräder auf der Ausgangswelle kreisen schneller um ihre Welle. Beides zusammen lässt das Hinterrad an einem kalten Morgen flotter laufen als nach einer Stunde Fahrt.

Ist der Motor warm, wird es langsamer, manchmal bleibt das Rad dann ganz stehen. Wie flott es mitläuft, ist bei jeder Maschine anders. Mit im Spiel sind das Getriebe, die Leichtgängigkeit von Kette und Radlager, eine Bremse, die ganz leicht anliegt, und das Öl, das gerade drin ist. Ein Grund für ein anderes Öl ist das mitlaufende Rad nicht. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Einen zweiten Auftritt hat das zähe Öl in der Kupplung, und den kennst du vermutlich. Legst du morgens bei gezogenem Hebel den ersten Gang ein, rastet er mit einem kräftigeren Klonk ein als nach einer Fahrt.

Die Kupplung ist aus dem Spiel

Der erste Verdacht fällt oft auf die Kupplung. Dabei kann sie gar nicht schuld sein, solange du den Hebel nicht anfasst. Losgelassen ist sie geschlossen und reicht die Motordrehung einfach an die Eingangswelle weiter, ob sie neu ist oder schon viele Kilometer hinter sich hat. Was danach im Getriebe passiert, bekommt sie nicht mit.

Auch der Griff zum Hebel bringt dich hier nicht weiter. Zwischen den getrennten Lamellen sitzt ebenfalls Öl, und das nimmt die Eingangswelle weiter mit, kalt kräftig, warm weniger. Das Rad wird dann langsamer, bleibt stehen oder läuft an einem kühlen Morgen kaum gebremst weiter. Über den Zustand der Kupplung sagt dir das auf dem Ständer nichts. Ob sie sauber trennt, zeigt sich erst betriebswarm und im Gang.

Wie wenig Kraft hinter dem drehenden Rad steckt, zeigt dir die Hinterradbremse, und zwar bei laufendem Motor.

Sicherheitshinweis: Lass den Motor dafür nur im Freien laufen, nicht in der Garage. Tritt von der Seite auf den Bremshebel, auf Höhe der Fußraste, und bleib mit Händen und Füßen weg von Hinterrad, Kette und Auspuff, solange der Motor läuft.

Das Kohlenmonoxid im Abgas riechst und siehst du nicht, auch wenn das Abgas selbst riecht. In einem geschlossenen Raum kann es schon beim Standgas lebensgefährlich werden. Und Rad und Kette drehen auf dem Ständer bei laufendem Motor auch ohne Gang.

Tritt leicht auf den Fußbremshebel. Steht das Rad sofort still und läuft der Motor ungerührt weiter, weißt du, woran du bist: Der Leerlauf ist sauber drin, das Öl macht den Rest.

Dreht das Rad trotz Bremse kräftig weiter, arbeitet der Motor dagegen, und es hängt ein Gang drin, auch wenn die grüne Lampe leuchtet. Das kommt vor, sogar eine Bedienungsanleitung warnt davor. Dann stellst du den Motor ab und legst den Leerlauf neu ein. Passiert es immer wieder, gehört das in die Werkstatt.

Mehr verrät die Probe nicht. Sie zeigt, ob ein Gang drin ist, aber nicht, wie es um Lager und Zahnräder steht. Springt beim Fahren ein Gang heraus oder kommen neue Geräusche aus dem Getriebe, gehört die Maschine in die Werkstatt, ganz gleich, wie das Rad auf dem Ständer dreht.

Auf der Straße merkst du nichts

Im Fahrbetrieb spielt das Ganze keine Rolle. Rollst du im Leerlauf auf eine Ampel zu, treibt das Hinterrad die Ausgangswelle, der Motor die Eingangswelle, und dazwischen schert wieder derselbe Ölfilm. Gegen den Schwung einer rollenden Maschine ist das nichts, was du spüren könntest.

Auch im Stand passiert nichts. Steht die Maschine mit laufendem Motor im Leerlauf auf ihren Rädern, reicht die Mitnahme nicht, um sie ins Rollen zu bringen. Dafür ist sie viel zu schwer.

Anders ist es im ersten Gang mit gezogenem Hebel. Dann wirkt der Ölfilm zwischen den Kupplungslamellen direkt über den eingelegten Gang auf das Hinterrad, und bei kaltem Öl kann das eine Maschine ein Stück nach vorn schieben. Dagegen hilft ein einziger Handgriff: Beim Einlegen des ersten Gangs liegt die Hand an der Vorderbremse.

Die beiden Fälle werden gern verwechselt, deshalb noch einmal nebeneinander. Im Leerlauf mit losgelassenem Hebel schert das Öl im Getriebe, und das reicht nur für ein frei hängendes Rad. Im Gang mit gezogenem Hebel schert das Öl in der Kupplung, und das kann kalt eine ganze Maschine bewegen.

Betriebswarm taugt genau diese Lage als Kupplungsprobe. Eine Herstelleranleitung beschreibt sie so: Motor an, Hebel ziehen, Gang einlegen, und dabei darf der Motor nicht absterben und die Maschine nicht losrollen. Mach das im Sattel, auf ebenem Boden und mit gezogener Vorderbremse, dann merkst du ein Losrollen als kräftiges Drängen gegen die Bremse.

Der Seitenständer muss dabei eingeklappt sein. Steht er unten, stellt bei vielen Maschinen ein Schalter den Motor ab, sobald ein Gang drin ist, und die Kupplung gerät zu Unrecht in Verdacht. Stirbt der warme Motor auch mit eingeklapptem Ständer ab oder drängt die Maschine kräftig nach vorn, trennt die Kupplung nicht sauber. Bei einer Seilzugkupplung prüfst du dann zuerst das Spiel am Hebel nach der Anleitung. Hilft das nicht oder ist die Kupplung hydraulisch, gehört die Maschine in die Werkstatt.

Warmlaufen auf dem Ständer

Meistens läuft der Motor auf dem Ständer aus einem von zwei Gründen. Entweder soll er warm werden, während du noch etwas erledigst, oder er soll das Rad drehen, damit du an die Kette kommst. Den zweiten streichst du am besten, dazu gleich mehr. Der erste hat eine Nebenwirkung, die mit dem drehenden Rad zu tun hat.

BMW führt sie in den Handbüchern der R 1250 GS und der R 1300 GS auf. Unter den ungewöhnlichen Fahrzuständen, bei denen das ABS einen Fehler melden und die Traktionskontrolle sich abschalten kann, steht dort das Warmlaufen auf einem Montageständer, ausdrücklich auch im Leerlauf. Beim ABS gilt das auch für den Hauptständer. Beide Systeme vergleichen, wie schnell sich die Räder drehen, und auf dem Ständer dreht nur das hintere.

Meldet das Cockpit nach dem Warmlaufen einen solchen Fehler, ist deshalb nicht gleich etwas kaputt. Für das ABS nennen beide Handbücher den Ausweg: Zündung aus und wieder ein. Kommt die Meldung danach während der Fahrt wieder, gehört das in die Werkstatt. Mit der ABS-Leuchte, die nach dem Start bei vielen Maschinen ohnehin leuchtet oder blinkt, bis du ein paar Meter gefahren bist, hat das nichts zu tun.

Ob Warmlaufen im Stand überhaupt sein muss, sehen die Hersteller unterschiedlich. Manche wollen, dass du nach dem Start sofort losfährst, andere verlangen ein paar Minuten Leerlauf, zumindest in der Einfahrzeit. Was dein Hersteller will, verrät die Anleitung. Eines gilt dabei überall: Im Standgas wird das Öl nur langsam warm, und so lange dreht ein frei hängendes Hinterrad fleißig mit.

Die Kette läuft mit

Damit zu der Stelle aus der Einleitung. Wer den Motor auf dem Ständer laufen lässt, hat oft noch etwas vor. Er will die Kette sprühen, sie mit dem Lappen abwischen oder den Reifen nach einem Nagel absuchen, und das drehende Rad sieht dafür praktisch aus.

Genau das ist die Falle. Der Leerlauf fühlt sich sicher an, weil kein Gang drin ist. Aber das Rad dreht trotzdem, das hast du gerade gesehen, und es dreht mit einer Kette, die an Ritzel und Kettenrad alles einzieht, was sich an ihr verfängt. Wer an der Kette kniet, hat dazu meist den Schalthebel direkt neben sich. Ein versehentlicher Stoß dagegen, und statt der schwachen Mitnahme durch das Öl hängt das ganze Motordrehmoment am Rad.

Sicherheitshinweis: Kette sprühen, reinigen oder prüfen nur bei abgestelltem Motor, Zündung aus, Getriebe im Leerlauf. Kein Lappen, keine Bürste und kein Finger an Kette, Ritzel oder Kettenrad, solange der Motor läuft, auch nicht im Leerlauf.

Zwischen Kette und Zahn wird hineingezogen, was hängen bleibt, ein Handschuh, ein Lappen oder ein Finger, schneller als du loslassen kannst. Und Kettenspray, das auf einem drehenden Rad danebengeht, landet leicht auf Reifen oder Bremsscheibe. Dann kann das Rad beim ersten Bremsen oder in der ersten Kurve wegrutschen.

Das Spray ist dabei der unterschätzte Teil. Auf einem Rad, das von selbst läuft, sprühst du nicht mehr gezielt auf ein Stück Kette, du sprühst auf etwas, das sich unter der Düse wegbewegt. Der Strahl trifft dann, was gerade vorbeikommt. Und weil das Hinterrad im Leerlauf mitdreht, kommt auch die Reifenflanke immer wieder vorbei.

Die Hand gehört an den Reifen

Für die Arbeit an Kette und Hinterrad braucht es den Motor nicht. Maschine auf den Ständer, Motor aus, Leerlauf rein, und das Rad drehst du von Hand. Greif dabei an den Reifen, nicht an die Kette und nicht in die Speichen oder an die Felge nahe der Bremsscheibe.

Für einen ganzen Umlauf der Kette braucht es zwei, drei Umdrehungen des Rades. Das geht mit der Hand ohne Mühe und Stück für Stück so langsam, wie du es brauchst. Sprühen, weiterdrehen, sprühen: Du bestimmst das Tempo, nicht der Leerlauf.

Ohne Ständer geht es auch, nur mit mehr Schieben, denn die Kette wandert nur etwa ein Drittel so weit wie das Motorrad. Also ein Stück Kette versorgen, die Maschine vorschieben, den nächsten Abschnitt nehmen, und der Motor bleibt dabei aus.

Eine Maschine, die auf dem Ständer im Leerlauf vor sich hin tuckert, während daneben jemand mit der Sprühdose hockt, sieht nach Routine aus. Gebraucht wird der laufende Motor dabei für nichts.

❓ Häufige Fragen zum Hinterrad im Leerlauf

Warum dreht sich das Hinterrad im Leerlauf, obwohl kein Gang drin ist?

Weil im Getriebe auch im Leerlauf Zahnräder mitlaufen. Die losen Zahnräder auf der Ausgangswelle werden vom Motor angetrieben und kreisen um ihre Welle, ohne mit ihr verbunden zu sein. Dazwischen liegt ein Ölfilm. Der nimmt die Welle ein Stück mit, und das reicht, um ein frei hängendes Hinterrad auf dem Montageständer langsam zu drehen.


Ist die Kupplung kaputt, wenn das Hinterrad im Leerlauf mitdreht?

Das Mitdrehen allein spricht nicht dafür. Solange der Kupplungshebel losgelassen ist, ist die Kupplung geschlossen und reicht die Motordrehung nur an das Getriebe weiter, ob sie neu ist oder verschlissen. Den Antrieb für das Rad liefert der Ölfilm im Getriebe. Wie schwach er ist, zeigt ein leichter Tritt auf den Fußbremshebel, bei laufendem Motor und nur im Freien: Das Rad steht sofort, und der Motor läuft unverändert weiter. Ob die Kupplung sauber trennt, zeigt sich betriebswarm im Gang, im Sattel, mit eingeklapptem Seitenständer und gezogener Vorderbremse: Mit gezogenem Kupplungshebel darf der Motor nicht absterben und die Maschine nicht kräftig nach vorn drängen.


Warum dreht das Hinterrad bei kaltem Motor schneller mit?

Weil kaltes Öl deutlich zäher ist und mehr mitnimmt, und weil der Motor kalt mit höherer Leerlaufdrehzahl läuft. Ist er warm, läuft das Rad langsamer oder bleibt ganz stehen.


Kann das Motorrad im Leerlauf von selbst losrollen?

Auf ebener Strecke nicht, dafür ist die Mitnahme durch das Öl im Getriebe viel zu klein. Anders im ersten Gang mit gezogenem Kupplungshebel: Dort kann das Schleppmoment der Kupplung eine kalte Maschine nach vorn schieben. Beim Einlegen des ersten Gangs gehört die Hand deshalb an die Vorderbremse.


Darf ich die Kette im Leerlauf bei laufendem Motor schmieren?

Nein. Das Rad dreht auch im Leerlauf, ein Handschuh, Lappen oder Finger kann zwischen Kette und Zahn gezogen werden, und Spray auf einem laufenden Rad landet leicht auf Reifen oder Bremsscheibe. Kette schmieren nur bei abgestelltem Motor, das Rad drehst du von Hand am Reifen.


Warum meldet mein Motorrad nach dem Warmlaufen auf dem Ständer einen ABS-Fehler?

Weil ABS und Traktionskontrolle die Drehzahlen beider Räder vergleichen und auf dem Ständer nur das Hinterrad dreht, auch im Leerlauf. Mindestens ein Hersteller nennt das Warmlaufen auf dem Ständer deshalb als möglichen Auslöser, für das ABS mit der Abhilfe Zündung aus und wieder ein. Kommt die Meldung während der Fahrt wieder, gehört das in die Werkstatt.

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